UDO JÜRGENS „EINFACH ICH“ – TOURNEE 2009 IM HALLENSTADION ZÜRICH (05.12.2009)

Mit gemischten Gefühlen habe ich den Weg ins Hallenstadion unter meine Füsse genommen. In gewisser Weise war ich schon lange nicht mehr so gespannt gewesen, was mich wohl erwarten wird. War es richtig, sich auf dieses Abenteuer einzulassen? Was ist von Udo Jürgens, dem Wahlschweizer und Grossmeister des Deutschen Premium-Schlagers zu erwarten? Was wird das wohl für ein Abend werden, bei dem man als Vierzigjähriger zu den jüngeren Besuchern gehört? Rund zweieinhalb Stunden später konnte ich mit Fug und Recht behaupten, dass sich der Besuch gelohnt hatte.

Pünktlich um acht Uhr eröffneten die Musiker des Orchester Pepe Lienhard, die langjährigen treue Begleiter auf den Konzertourneen von Udo Jürgens, gewohnt souverän mit einer Medley-Einlage den Konzertabend. Alle Musiker waren edel in schwarz, mit einem Tupfen rot, gekleidet. Das Bühnenbild wurde dominiert durch eine zentrale Projektionswand, auf der die Künstler in Grossaufnahme dargestellt wurden, und natürlich durch den obligaten Flügel, an dem sich Udo zu den Songs mehrheitlich selbst begleitete. Die Lichttechniker hielten sich mit Effekten weitgehend zurück und die Lautstärke war angenehm dem Rahmen angepasst. Die Musik stand im Vordergrund, nicht die Show.

Um es gleich vorweg zu nehmen: musikalisch war der ganze Abend ein Hochgenuss. Die teilweise wuchtigen und durchaus auch leicht „rockigen“ Arrangements waren durch Spannungsbögen mit unterschiedlicher Lautstärke und Tempi geprägt, damit den Songs in der Liveversion die notwendige Energie freigelegt wurde. Die Ausführung durch das Orchester Pepe Lienhard war präzise, aber dennoch zurückhaltend und dezent genug, um den Hauptakteur Udo Jürgens nicht aus dem Rampenlicht zu drängen. Das Resultat langjähriger Zusammenarbeit mit Pepe, Udos künstlerischem Alter Ego, war perfekte Harmonie. Die vielen Soloeinlagen von Gitarre, Horn, Gesang oder Mundharmonika, die durch das Publikum immer wieder mit spontanem Applaus bedacht wurden, rissen die Anwesenden von ihren Sitzen. Die eingängigen, aber musikalisch dennoch anspruchsvollen Kompositionen von Udo Jürgens kamen gerade durch die Begleitung dieses grossen, routinierten Liveorchesters, mit einem richtigen Bläserset und einer Streichergruppe, wunderbar zu Geltung. In der heutigen Zeit der Playback-Auftritte, bei denen leider die Show über der musikalischen Ausführung steht, mag ein Orchester zwar antiquiert erscheinen, trotzdem muss festgehalten werden, dass diese Soundfülle auch durch noch so grossen technischen Aufwand niemals kopiert werden kann. Ein Hörgenuss erster Güte, den man sich auch wieder am Eurovision Song Contest wünschen würde.

Der Höhepunkt des Abends war die zwölfminütige Interpretation von „Ich war noch niemals in New York“, einer etwas melancholischen Nummer, während der Udo seinen Backgroundsängern eine Plattform bot, ihr Können zu demonstrieren. Ein Klassiker, der auf keinen Fall fehlen durfte, war das „ehrenwerte Haus“, ein Song von drückender Aktualität, der sich nach wie vor live gut interpretieren lässt und das Publikum begeisterte. Bei „Jetzt oder nie“ wurde den Fans im bestuhlten Innenraum der Zugang zur Bühnenfront eröffnet, eine mittlerweile langjährige Gepflogenheit, welche die Anwesenden begeistert nutzten. Gestandene Herren im Anzug und Damen mit ergrautem Haar kämpften wie wild gewordene Teenager um die besten Plätze an der Bühne. Den Konzertabschluss bildete dann das mittlerweile tradierte Bademantel-Finale.

An diesem Auftritt war wirklich wenig auszusetzen: zurückhalten sollte sich Udo Jürgens allerdings mit den Sprecheinlagen, bei denen er versuchte, die Pausen zwischen den Songs zu überbrücken. Sie waren als Überleitung holprig konstruiert und wirkten wenig durchdacht. Es würde völlig ausreichen, wenn er Song an Song reiht, das wollen die Fans von ihm letztlich hören. Dazu kommt, dass er vor allem auch in der zweiten Karrierehälfte bewusster auf die Gestaltung der Texte geachtet hat und er vermehrt Wert auf die Vermittlung einer „Botschaft“ legte. Diese Texte sind zwar gut gemeint (und können natürlich jetzt auch nicht mehr verändert werden), wirken allerdings neben „griechischem Wein“ wenig glaubwürdig. Wenn er dann mit den Sprecheinlagen sein Sendungsbedürfnis noch weiter auslebt, springt der Funke nicht auf das Publikum über. Lieber Udo, mach doch einfach Musik, für die Werte ist Bono Vox zuständig!

Viele langjährige Fans fragten sich vor, und vor allem auch nach dem Konzert, ob dies wohl die letzte Tournee von Udo Jürgens gewesen sei. Man rechnete gemeinhin mit einer Rücktrittsankündigung, war doch dieser Auftritt in Zürich, notabene seiner selbst gewählten Heimatstadt, der Abschluss einer langen Tournee. Kann es für einen Künstler einen schöneren Abgang geben, als auf der gleichen Konzertreihe das Hallenstadion gleich zweimal vollständig zu füllen und auf einem solchen Höhepunkt abzutreten? Immerhin steht er schon Mitten in den Siebzigern, einem Alter, in dem die allermeisten seiner Kolleginnen und Kollegen die AHV geniessen und von vergangenen, besseren Zeiten träumen. Für sein Alter ist er noch erstaunlich fit, und konditionelle Mängel waren nicht auszumachen. Die zweite Konzerthälfte war von der Stimme und der Lockerheit der Interpretationen her eher noch besser als die erste. Was bleibt, ist der Eindruck, dass hier ein grossartiger Entertainer am Werk war, ein ganz grosser Vertreter seines Fachs, den man gerne unterschätzt und allzu schnell in die „Schlager-Fuzzi“ Ecke stellt. Dieses Prädikat mag für viele durchschnittlichen Künstler gelten, für Udo Jürgens ist es absolut ungerechtfertigt. Dafür ist er musikalisch zu gut. Es bleibt zu hoffen und es wäre ihm zu gönnen, dass er den Ausstieg aus dem Showgeschäft rechtzeitig schafft. Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist.
Stucki017

Linktipps:
Die CD zur Tournee
Offizielle Seite

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