PHON ROLL IM EL LOKAL, 18.09.2010







"Das sind Legände!" "Huere geili Sieche!" Etwa so tönte es die letzten zwei, drei Wochen ständig, als ich auf die Frage, was ich denn an dem Wochenende mache, zur Antwort gab: "Ich gehe nach Züri, Phon Roll spielen da".

Phon Roll - Bern; 1985 - 1995: Im Umfeld und etwas im Schatten von Züri West entstand Mitte der 80er eine Band, die simplen, manchmal etwas punkigen Pub-Rock spielte, die dann und wann mal neue Platten veröffentlichte und anstatt Leute aus der Band zu schmeissen, neue aufnahm. So war aus dem illustren Vierer zu Beginn am Ende ein süffiges Sextett geworden. Irgendwann war dann der Ofen aus, um ihn dann 15 Jahre später nochmals etwas einzuheizen.

Was will ich sagen? Ich kannte nur den Bandnamen, aber wie und was: keine Ahnung!
Ich bin mit Drummer Sam befreundet, Manu Häfliger kannte ich knapp von den Sugarbabies und von Chessy Weaver habe ich eine, vermutlich die einzige, Platte. Aber wie auch nur ein Song tönt oder heisst? Fehlanzeige. Das war’s. So geht man an Konzerte: Mit 0.00% Ahnung.

Vor Ort angekommen wurde ich zuerst von Sam begrüsst und von ihm dann allen kurz vorgestellt und herzlich begrüsst; alle guter Dinge, alle super drauf. Im El Lokal war ich dann vermutlich einer der Jüngsten. Da tummelten sich viele Leute, von denen man doch sagen könnte, ihren besten und wildesten Jahre sind vorbei. Doch wenn man sie beobachtete, müssen das ganz geile Jahre gewesen sein. Gutes, etwas in die Jahre gekommenes Partyvolk, bierselig, stets lachend. In diese Stimmung spielten sich dann gegen 21.30 Uhr Phon Roll. Gekonnt, unspektakulär, locker und amüsiert. Keine Spur erinnerte daran, dass sie 15 Jahre nicht zusammen gespielt haben bis vor wenigen Wochen und nichts lies vermuten, dass diese Songs teilweise schon 25 Jahre auf dem Buckel haben. Irgendwie kam das so spontan daher, wie gerade frisch erfunden, ohne irgendwelche Gedanken an Trends und Szenengeplänkel. Einfach gerade aus, ehrlich. Zuvorderst Huri Hurban; solide - der draufgängerischere Kuno Lauener könnte man fast sagen. Gut aussehend, mit einer Prise Overstatement und dem nötigen Schuss Selbstironie. Ueli Hafner am Bass, gekonnt ernst wirkend, daneben Stuwi Aebersold, sämtliche Emotionen in sein Gitarrenspiel werfend. Und Sprüche klopfend im Background: Sam Mumenthaler am Schlagzeug. Die Musik, wenn auch noch immer jenseits von irgendwelchem Spektakel, animierte zum simplen breitbeinig hinstehen und Bier trinken. Sie schlich sich so unbemerkt ein und verbreitete ein simples Glücksgefühl mit wippenden Knien und einem Grinsen im Gesicht, das Zeitgefühl setzte aus und negative Gedanken wurden blockiert.

Inzwischen ist die Truppe um Chessy Weaver und Manuel Häfliger angewachsen, die Sounds werden folkiger und bluesiger, aber immer noch geht es vorwärts. Nicht peitschend, sondern mitreissend. Und alles klang immer noch frisch und unverbraucht! So mancher dieser Indie-Fetischisten hätte sich hier eine fette Scheibe abschneiden können, wie man speziell sein kann ohne irgend auch nur annähernd etwas Spezielles zu machen, ausser einfach auf die Bühne zu stehen und zu rocken wie es einem gerade passt.

Huri und Chessy sagen laufend Songs an und leichtes, erfreutes Raunen zieht jeweils durch das El Lokal. Ich hingegen bleib beim ahnungslosen Schulterzucken und muss mich, ausser beim Vibrators-Cover "Baby, Baby", vollends überraschen lassen, Das 90 Minuten lang und ich bereue keine einzige davon. Auch bei den Zugaben: Gute Songs gepaart mit Lust an der Musik, auf und vor der Bühne.

Manchmal sind zwei Stunden verdammt kurz, und so selten ist ein "Tschou zäme" bei mir so verbunden mit einem "Huere schad"! Ich habe so viele Bands gesehen, aber selten das Gefühl irgendwie was verpasst zu haben - am 18. September 2010 hatte ich das bestimmt. Doppelt hart, weil Phon Roll nachher noch genau ein Konzert geben, dann nächstes Jahr nochmals kurz auf der Rock- und Blues-Cruise aufblühen und dann vermutlich dieses Kapitel für immer schliessen werden.

Hoffnung bleibt allein, dass sie ihr Konzert in der Mühle Hunziken auch wirklich aufzeichnen, dies geil gelingt und dann mal als Tonträger unter die Leute kommt. Und ich werde dann die Scheibe einwerfen, aber wie auch nur ein Song tönt oder heisst? Fehlanzeige. Das war’s. So hört man Konzerte: Mit 0.00% Ahnung. Sollte man viel öfters tun...
fuedlibuerger


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