SELIG IM SALZHAUS AM 19.11.2010







SELIG – In den Neunzigern als Deutsch-Grunger beschrieben, erlebten sie ein wildes, erfolgreiches Jahrzehnt, das 1999 mit der Trennung seinen traurigen Höhepunkt erreichte. Ebenfalls erreicht hat dann 2008 die Fangemeinde die freudige Nachricht, dass sie sich wieder zusammenraufen und nochmals durchstarten wollen. Seither sind sie umtriebig und ständig unterwegs.

Reunions belächle ich oft, meist eigentlich aus gutem Grund. Oft ist nur das schnelle Geld im Spiel und man wärmt ein paar vergessene Studiotracks neu auf - wenn überhaupt. Zum Glück ist manchmal allerdings wirklich Lust und Freude der Antrieb. Und wirklich ganz selten hab ich dann daran auch noch sehr Freude. SELIG ist so ein Fall!

Ich mochte SELIG immer; sie tönten anders, sie tönten nicht „Deutsch“. Selig war eine der ersten deutschsprachigen Bands, von denen ich überzeugt war, dass ihr Musik als solche funktioniert. Sing es in Deutsch, in Englisch, Französisch - egal, es wird klappen. Man hat nicht das Gefühl, wie es heute noch bei vielen Schweizer Produktionen der Fall ist, dass man nach ein paar Takten bereits merkt, dass es eben eine Schweizer Produktion ist. Leider hab ich es nie geschafft SELIG live zu sehen und irgendwann war es dann einfach zu spät – aufgelöst! Umso glücklicher war ich, als ich dann ihre News zu lesen bekam.

Dann war es endlich soweit! SELIG live im Salzhaus Winterthur! Es war nicht rappelvoll, aber auch nicht, als hätte man noch Platz zu vergeuden. Die Stimmung super, das Durchschnittsalter in den Mittdreissiger, dementsprechend viele mir bekannte Gesichter entdeckte ich im Publikum. 21.15 fiel der Startschuss. Mit einem sphärischen Intro - die Bühne lichttechnisch in blau getränkt - setzten die Hamburger zu einem Sprint durch ihre Bandgeschichte an. An vorderster Front Jan Plewka, der sich kaum still halten konnte und alleine mit seiner Art zu Tanzen und seinen Körper in die Songs zu werfen einen voran peitschenden Touch verlieh. Auch links und rechts, die restlichen Bandmember, legten sich nicht nur musikalisch ins Zeug. Selten hab ich eine solche Dynamik auf einer Bühne gesehen, vor allem nicht bei allen zusammen. Hier wird gelebt, dann und wann auch gelitten. Ich fragte mich, ob das denn bis zum Schluss auch hinhalten möge...

Das phantastische an der Musik von SELIG war schon immer, dass sie den Text emotional mittransportieren und auch verstärken konnte. Lieder über Liebe und Leiden wären a capella vermutlich ein absoluter Hohn, aber mit der Gitarre und der Hammondorgel im Genick kriegt man hier die volle Packung. Die hat man ohnehin erhalten! Es fiel schon früh auf, dass SELIG eine wahnsinns Qualität an den Tag legten. Sie spielten nicht nur sehr auf den Punkt und auch sehr knackig und fett, es war auch geil abgemischt, etwas vom Besten, was ich im Salzhaus je hörte und dieses Jahr allgemein erleben durfte. Man hat in der Lautstärke eher etwas Abstriche gemacht, dafür hörte man jeden einzelnen Ton auch noch klar, wenn man zuhinterst an der Bar stand. Zudem lebten und „atmeten“ die Songs, wurden gekonnt ausgebaut, verlängert, wuchsen und wurden intensiver. Die Band spielte hart, wirkte aber nie so. Ein volles Brett wuchteten sie durch den Saal und rissen die Leute mit.

Ein weiteres kleines Kunststück, welches SELIG gelang war, dass man querbeet die neuen Sachen genau so akzeptierte sind wie die Alten. Klar, ihre grossen Hits hatten sie in den Neunzigern, die wollte man natürlich auch hören - doch die Songs von „Und endlich unendlich“ oder „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ wurden genau so gefordert und geliebt und konnten nahtlos an die Qualität der Alben der ersten Dekade anknüpfen.

Weit über eine Stunde war gespielt, auf der Bühne herrschte noch immer noch Gefühle schmeissen, Jan litt, schrie und wandte sich, die Riffs knallten ordentlich, die etwa 450 Leute vor der Bühne tanzten und schwelgten. Laut war es, als der letzte Ton eines Songs verklag - euphorisch, mehr... Mehr!! Und SELIG gaben nicht auf, spielten sich weiter munter durch die Alben, waren stets gut drauf, immer am lachen. Lockere Sprüche zwischen den Songs, die Stimmung erreichte einen ersten Höhepunkt als die Crowd das Quintett auf die Bühne zurückpfiff.

Zweimal werden sie noch kommen, nochmals drei Songs spielen. Songs für die Ewigkeit, Songs, die für sie Geschichte geschrieben haben und wohl bei manchem Mittdreissiger einen besonderen Platz in ihrer Biographie haben. Geschafft sahen sie am Ende aus, sie haben alles gegeben, und wenn man in ihre Gesichter sah; sie waren zufrieden damit, es hatte sich gelohnt. Das Publikum dankte es ihnen mit langem Applaus.

Zwei Stunden, die wirklich Freude machten, die es leider so zu selten gibt. Auch hab ich mich dann auf dem nach Hause Weg gefragt, wieso nicht mehr Bands solche Ansprüche an Qualität und Ausdruck legen. Woran liegt es? Keine Ahnung. Selig machen ja nichts Bahnbrechendes, manchmal ist es eher simpel, aber dann halt so etwas von auf den Punkt gebracht. Ich kann auf jeden Fall jedem empfehlen sich SELIG live anzuschauen. Das Geld ist gut investiert, nicht nur in diese Band, sondern in die eigene Gefühlswelt.

fuedlibuerger

Linktipps:
Offizielle Seite von Selig
Künsterportal von Selig
Salzhaus

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