GURTENFESTIVAL 2015 - HEISS, LAUT UND UNVERGESSLICH


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Stefanie Heinzmann (Zur Galerie)


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Katzenjammer (Zur Galerie)


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Polo Hofer (Zur Galerie)


Damian Lynn (Zur Galerie)

Am vergangenen Wochenende tanzten die Bären über den Berner Hausberg. Das Gurtenfestival bestach dieses Jahr durch viel Punk und HipHop, zahlreiche deutsche Bands und grossartige Schweizer Künstler.

An allen vier Tagen des diesjährigen Gurtenfestivals brannte die Sonne erbarmungslos vom Himmel. So, dass die wenigen Schattenplätze auf dem Gelände permanent von Menschentrauben besetzt waren. Am ersten Tag des Openairs war die Hitze am intensivsten. So wunderte es auch nicht, dass der Aufstieg auf den Berner Hausberg auch für fitte Festivalfans nicht ganz so einfach war. Doch er lohnte sich. Denn das erste Highlight erwartete die Besucher des Gurtenfestivals bereits auf der Waldbühne. Die Band MEMORY OF AN ELEPHANT spielte auf der kleinen Bühne und trumpfte ganz gross auf. Wunderbare, mehrstimmige Gesänge schallten den Hügel hinauf, die unter anderem von einem Banjo untermalt wurden. Die leichtfüssigen Pop-Songs gingen direkt ins Herz und machten gute Laune. Ein toller Einstieg auf vier Tage voller Musik. Die meisten Zuhörer blieben direkt bei der Waldbühne stehen, um auf JAMES GRUNTZ zu warten. Der Basler Musiker hat sich im letzten Jahr in die oberste Liga der Schweizer Musikszene gesungen. Dass er dort hingehört, hat er auf dem Gurten einmal mehr bewiesen. Die eingängigen Songs, gepaart mit seiner rauhen, schönen Stimme, treffen den Nerv der Zeit.

Wer es lieber ein bisschen härter mochte, steuerte währenddessen zur Hauptbühne, um die BROILERS zu sehen. Die Deutsche Punkband – die übrigens wie Die Toten Hosen aus Düsseldorf stammt – brachte den Berg innerhalb von wenigen Minuten zum Kochen. Fans dieses Genres kamen dabei auf ihre Kosten. Und auch sie blieben direkt stehen, da FARIN URLAUB RACING TEAM danach an der Reihe waren. In typischer Ärzte-Manier machte der blonde Frontmann viele Sprüche, nahm sich mehrere Minuten Zeit, um zum Song „Alle Dasselbe“ mit dem Publikum eine Choreographie einzuüben und spielte alle Hits, die man sich von ihm wünschte. Das Highlight war der Song „Zehn“, der den ganzen Hügel zum Springen brachte.

Zurück auf der Waldbühne erklangen ganz andere Töne. Die Walliser Sängerin STEFANIE HEINZMANN war an der Reihe und beeindruckte mit ihrer gewaltigen Stimme, ihren neuen, eingängigen Songs und ziemlich kurzem Shirt. Ihr Publikum war hingerissen, gar Kinder fanden sich in der ersten Reihe. Stefanie hätte es eigentlich nicht nötig gehabt, ihr Publikum nach jedem Song zu fragen: „Habt Ihr Lust mit uns zu feiern“? Zum Glück hob sie sich ihren aktuellen Hit „In The End“ nicht bis ganz zum Schluss auf, denn viele Zuhörer gingen frühzeitig zurück zur Hauptbühne, um die Headliner des Abends nicht zu verpassen. Was dann folgte, war der Gig des Tages: DIE FANTASTISCHEN VIER hielten, was ihr Name verspricht. Gerade beim Song „Smudo in Zukunft“ bewies derselbige, wie unglaublich gut er rappen kann. Es folgte ein Hit nach dem anderen. Thomas D betonte, dass das Gurtenfestival zu ihren Lieblingsfestivals gehöre. Eine Aussage, die bei internationalen Künstlern gern mal gemacht wird, aber nur selten für bare Münze genommen werden kann. In diesem Fall könnte es tatsächlich stimmen, denn die Band spielte zum sechsten Mal auf dem Gurten. „Wir kommen noch 19 mal, um die 25er Marke zu erreichen“, versprach der Rapper, was mit lautem Gejubel belohnt wurde. Die Zugabe überraschte und erfreute die Fans. Denn die vier Jungs spielten zum ersten Mal seit langer Zeit ihren ersten grossen Hit „Die da“. Und siehe da: Selbst Teenager konnten den Text auswendig. Noch beim Abstieg vom Gurten ins Tal hörte man Menschen „Sie ist weg“ oder „Ernten was wir säen“ singen.

Der Tag zwei startete mit einem Konzerthighlight aus Norwegen. Es handelt sich dabei um vier junge Frauen, die sich KATZENJAMMER nennen. Als Jammer kann man das aber gar nicht bezeichnen, was die Truppe geboten hat. Auch die grösste Hitze hielt kaum jemanden davon ab, ausgelassen vor der Hauptbühne zu den Pop-Songs mit Folk-Einschlag und mehrstimmigen Gesängen zu tanzen. Besonders beeindruckten Katzenjammer mit ihrer Musikalität. Um die 20 Instrumente waren auf der Bühne verteilt, und jede schien alles spielen zu können. Mal sass die eine am Schlagzeug, während die nächste in die Trompete blies, dann wechselte die Schlagzeugerin zum E-Bass, während die andere wiederum die Handorgel spielte. So ging das die ganze Zeit. Und am Ende des Konzerts stürmten die Musikerinnen von der Bühne und klatschten nicht nur mit ihren Fans in der ersten Reihe ab, sondern auch mit den Securities, die sich ein Lachen nicht verkneifen konnten. Besser hätte man auf keinen Fall in den Freitag starten können. Wenig später war es einmal mehr eine deutsche Band, die auf der Hauptbühne für Furore sorgten. KRAFTKLUB machten ihrem Namen alle Ehre. Auch hier setzte der Gurten also wieder auf deutschen Punk. Umso berührender und chilliger wurde es danach auf der Zeltbühne, als das Multitalent XAVIER RUDD auftrat. Der Australier, der dafür bekannt ist, bei seinen Konzerten alles selbst zu spielen, hatte diesmal noch "The United Nations" mit im Gepäck. Seine Reggae- und Folkmusik passte perfekt zum tollen Wetter. Auf der Hauptbühne war es danach bereits Zeit für den Hauptact des Abends. Unserer Meinung nach hätte ELLIE GOULDING auch am Nachmittag spielen können, denn man fühlte sich doch ein wenig wie bei einem Britney Spears Konzert. Zwar stieg sie mit ihrem Hit „Outside“ ein und konnte so direkt ein breites Publikum ansprechen. Wir wollen ihr nichts unterstellen, aber entweder singt diese Frau absolut lupenrein die höchsten Töne, während sie über die Bühne hüpft, oder sie wurde durch technische Hilfsmittel unterstützt. Wir wissen es nicht genau. Auf jeden Fall ernten Künstler, die auf dem Gurten wenig bis keine Beziehung zum Publikum aufbauen können, steril ihre Show durchziehen und nur „Hello Switzerland“ rufen, immer Kritik. Etwas weniger perfekt klang FAITHLESS, die danach auftraten. Frontmann Maxi Jazz war ganz eindeutig nicht Playback unterwegs. Der inzwischen 58-Jährige gab sein Bühnencomeback und erntete tosenden Applaus. Überraschenderweise spielte er seine grössten Hits bereits nach wenigen Minuten. Erst kam „God Is A DJ“ und kurz darauf folgte „Insomnia“, von dem wohl jeder gedacht hätte, dass es erst ganz am Ende serviert wird. Leider brach die Stimmung im Publikum nach dem grossen Überhit etwas zusammen. Denn Maxi Jazz ging von der Bühne und liess andere Musiker performen – unter anderem Kyla La Grange. Erst gegen Ende, als der Sänger zurückkam und nochmals Vollgas gab, kehrte die Anfangseuphorie der Fans zurück.

Am Samstag wurde es wieder ruhiger auf dem Gurten. Die englische Band SCOUTING FOR GIRLS versetzten ihre Zuhörer in chillige Stimmung. Nur schwer konnte man während des ganzen Konzerts in der Sonne stehen, denn die Hitze ging tief und die Zuschauer waren pausenlos damit beschäftigt, mit Wassersprays ihre Körper herunterzukühlen. Die Songs der Band überzeugten sofort – der Sänger traf die Töne allerdings nicht immer. Ihm sei verziehen: denn mit seiner sympathischen Art machte er dieses Manko wieder wett.
Am Abend hätte eigentlich der deutsche HipHopper Casper auftreten sollen. Aber er wurde kurzfristig durch die HipHop-Combo K.I.Z. ersetzt. Dies schien überraschend viele Gurtenbesucher zu freuen. Sie forderten die Menschenmenge vor der Bühne dazu auf, gegeneinander zu rennen und sich „in die Fresse zu hauen und danach zu umarmen“, wie sie es nannten. Ausserdem sollten ihre Fans ihre Hände zu Pistolen formen. Im Vergleich zu den bisherigen HipHop Bands, welche doch ein breites Publikum erreichen, war K.I.Z. doch etwas für eingefleischte HipHopper und Gangster-Rapper. Wem’s gefällt.

Danach fiel die Wahl ziemlich schwer, denn die Zürcher BABA SHRIMPS traten gleichzeitig wie ARCHIVE auf. Egal wie man sich entschied: es lohnte sich. Denn beide Bands bestechen durch grossartige Stimmen und tolle Songs. Danach kam der Pandabär der Stunde auf die Hauptbühne. Der deutsche Rapper CRO sorgte für wildes Gekreische bei seinen Fans und gewann durch die treuherzigen Panda-Augen wohl noch einige Anhänger mehr an diesem Abend. Schon ziemlich früh brachte er seinen Über-Hit „Einmal um die Welt“, was die Zuhörer zum Toben brachte. Um 22.00 Uhr hätte SRF3 eigentlich einen Flashmob inszenieren wollen, indem das ganze Publikum „Bälpmoos“ von Patent Ochsner singt. Die Vorgeschichte dazu: Cro versuchte sich im Vorfeld des Festivals in einem Interview an diesem Lied. Jedoch legte Cro zwischen seinen Songs nur kurze Pausen ein und daher misslang die Idee, den Rapper mit dem Schweizer Hit zu überraschen. Ganz am Ende folgten dann auch noch die Chartstürmer „Easy“ und „Traum“.

Schliesslich folgte eine weitere schwere Entscheidung. Während auf der Waldbühne MÜSLÜM auftrat, spielten LO & LEDUC im Zelt. Wir entschieden uns für Letztere – und scheiterten kläglich. Denn es war kein Durchkommen mehr, weil sich tausende von Menschen vor und neben der Bühne befanden. Selten sah und hörte man das Publikum bis weit ausserhalb der Zeltbühne zu den Songs mitklatschen und mitsingen. So hörten wir nur die Bässe von Weitem – und wussten, dass wir gerade ein grosses Gurten-Highlight verpassen. Beide Bands hätten wohl problemlos auf der Hauptbühne spielen können. Schliesslich lieferte die grossartige Live-Band SHAKA PONK ein Samstags-Finale auf der Hauptbühne und beeindruckte mit einer tollen Bühnenkulisse. Um 2.00 Uhr nachts folgte dann noch die Performance von Festival-Liebling STRESS. Er erschien auf der Bühne und innerhalb von wenigen Sekunden war der Teufel los. Hier mobilisierten die Gurtenfans ihre letzten Kräfte des Tages, um nochmals so richtig abzutanzen. Auch hier unser Fazit: Stress gehört auf die Hauptbühne.

Am Sonntag lohnte es sich, auf’s Ausschlafen zu verzichten. Schliesslich spielt nicht jeden Tag eine grosse Musiklegende auf dem Berner Hausberg. POLO HOFER UND DIE BAND legten bereits um 11.30 Uhr los. Und wer jetzt denkt, das wäre fürs Gurten-Partyvolk zu früh, der irrt. Wohl selten war der Platz vor der Hauptbühne um diese Zeit an einem Sonntag so gefüllt. Niemand wollte den Auftritt dieses einzigartigen Künstlers verpassen. Und genau so wie wir Polo Hofer kennen und lieben, war er auch auf dem Gurten. Er erfreute seine Fans mit seinen zahlreichen, grossen Hits und hatte immer wieder einen lockeren Spruch auf den Lippen. „Wer ist zum ersten Mal an einem Konzert von mir?“, fragte er. Als sich einige Hände hoben, meinte er nur: „Wird auch langsam Zeit“. Wo er Recht hat, hat er Recht. Das Publikum war, wir haben es bei Polo noch nie anders erlebt, bunt gemischt. Jede Altersgeneration, welche es halbwegs den Berg hoch schaffte, war vertreten und sang inbrünstig jedes Lied mit. Die Stimmung beim Song „Wyssebüehl“ war gigantisch – der ganze Berg stimmte ein. Und natürlich auch bei seiner letzten Zugabe „Alperose“.

Im Anschluss war es Zeit für GEORGE EZRA, den charismatischen Sänger aus England. Eine Stimme, die keine Sekunde lang langweilig wird, Songs, die immer funktionieren. Bei seinem Hit „Budapest“ standen alle Menschen im Publikum auf. Eine einmalige Stimmung.

Sanfte Töne schlug wenig später der Krienser Musiker DAMIAN LYNN auf der Waldbühne an. Er präsentierte sein Album „Count To Ten“, das vor Kurzem erschienen ist. Dass er ein grossartiger Künstler ist, der nicht nur toll singt, sondern auch super beatboxt, Gitarre spielt und auch noch das Loop-Gerät bedient, hat er einmal mehr bewiesen. Er schreibt Songs, die ins Herz und ins Ohr gehen und sich dort einnisten.

Was danach folgte, war ein Konzert der besonderen Art. PATTI SMITH ist eine internationale Musiklegende. Eine, die man nicht verpassen darf. Ihre raue, tiefe Stimme ist unverwechselbar, ihre Songs schrieben Geschichte. Schon nur ein kurzer Blick auf ihre Biographie liess für Nichtkenner erahnen, welche geschichtsträchtige Person da auf der Bühne stand. Eine Ehre, eine solche Powerfrau – die sage und schreibe 68 Jahre alt ist – auf dem Gurten zu haben. Punk in seiner ursprünglichen Form. Aufruf zur Veränderung, Rebellion, Auflehnung gegen die Unterdrücker. „People, you got the Power!“. Als sie am Ende ihres Konzerts die Saiten ihrer Gitarre ausriss und schrottete, als Zelebrierung der Zerstörung des Bösen, wussten auch die hinterletzten Zuschauer, dass die „Grandmother of Punk“ keineswegs grossmütterliche Seiten hat.

Schliesslich kam das grosse Finale. Und ja: Die Autoren dieses Textes sind sehr grosse Fans von PATENT OCHSNER. Dennoch können wir aus objektiver Sicht sagen, dass sie das Highlight des gesamten Festivals waren. Noch während des Konzerts von Smith formierte sich die Ochsengemeinde rund um die Hauptbühne. Die Zeltbühne, die Bars, die Toiletten und auch die Fressmeile waren komplett ausgestorben, weil sich das gesamte Publikum vor die Hauptbühne quetschte, um den Showdown des Gurtenfestivals mitzuerleben. Natürlich brachten Büne Huber und seine Truppe grosse Hits wie „Fischer“, „Bälpmoos“ oder auch „Trybguet“, aber sie überzeugten auch mit neuen Songs ihres aktuellen Albums „Finitolavoro - The Rimini Flashdown Part III“. Unter anderem performten sie auch gemeinsam mit Rapper Manillio den Song „Sunny Side Up“. Nicht nur die Zuschauer tanzten, sondern auch die Security-Leute führten kleine Tänzchen auf. Die Stimmung war ausgelassen, wie man es selten erlebt hat. Frontmann Büne stahlte übers ganze Gesicht, als er die Menschenmassen sah. Und auch wenn der Güsche tobte und kochte, schaffte er es auch, den Zuschauern die Tränen in die Augen zu treiben. Als Überraschungsgast holte er die Walliser Sängerin Sina auf die Bühne und sang mit ihr das emotionsgeladene Duett „Ich schwöru“. Als in den Zugaben „W. Nuss vo Bümpliz“ und „Scharlachrot“ folgten, war es um die ganze Band geschehen. Denn bis ganz nach hinten sangen die Menschen mit ihrer Berner Band mit. Und zum Abschluss gabs verdiente La-Ola-Wellen, die Büne Huber sichtlich genoss. Schöner hätte das Gurtenfestival nicht enden können.
Stella Nera & Yoko

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