SPIRIT OF ROCK - ALTHERRENROCK IN WINTERTHUR

Bands aus den USA, aus Deutschland, der Schweiz und England waren angekündigt. Viele ältere Herren, immerhin auch eine neue Band und zudem eine, die nach längerer Abwesenheit ihr Comeback gab, sowie drei Umlaute zierten das Programm der diesjährigen Ausgabe des „Spirit of Rock“ – Festivals. Welch perfekte Mischung! Die Bedingungen für ein tolles Rock-Wochenende waren vollständig erfüllt, zumal das Ganze bei fiesem Regen über Winterthur ja Gott sei Dank in einer Halle stattfinden würde.

Ein Blick auf das Programm machte unmissverständlich klar, dass der Freitag nur ein lockerer Aufgalopp sein und die wirkliche Rockparty am Samstag steigen sollte. Dass dem schliesslich nicht so wurde, ahnte vorher niemand.



Freitag, 1. Juni: der Rockshow erster (und bester?) Teil

Auf 17:30 war die Türöffnung angekündigt. Dass die Tore dann erst um 17:45 geöffnet wurden, störte niemanden. Schon nach wenigen Blicken in die Traube der wartenden Fans wurde klar, dass die erste von zwei Umlaut-Bands den Höhepunkt des Freitags bilden würde: Mötley Crüe. Die Glam-Metal-Combo um Pamela Andersons Ex Tommy Lee konnte auf viele treue Anhänger zählen: Die männlichen Fans in T-Shirts mit dem bekannten Schriftzug gekleidet, die Frauen mit teils viel nackter Haut und sorgfältig geschminkten Augen. Bereits kurz nach Türöffnung sah man denn auch jeweils mindestens fünf Frauen vor den Toilettenspiegeln, wie sie sich nochmals angestrengt die Lippen- und Augenkonturen nachzogen. Für Nikki Sixx, den Bassisten von Mötley Crüe, mussten sie ja alle perfekt aussehen.

Als fast alle Zuschauer noch draussen ihr erstes Bier zu sich nahmen, begann die erste Band bereits zu spielen: Violent Storm kam einiges zu früh. Ob es daran lag, dass sie einen Tag später in England auftreten mussten? Jedenfalls konnten sie kaum Höhepunkte setzen, steigerten sich zum Schluss immerhin noch ein bisschen und klauten zwischendurch für einen Song mal eben die Akkorde des KISS-Klassikers „I Was Made For Lovin’ You“. Das einzig Bemerkenswerte war das gute Bassspiel Mike Cervinos, der ja auch schon für Ritchie Blackmore die Saiten gezupft hat.

Der Auftritt von Violent Storm eignete sich optimal, um erste Eindrücke von der Halle und den Fans zu sammeln: Die Eulachhalle bot Platz für 3'000 Leute, der Zugang zu den sauberen Toiletten war sowohl in der Halle als auch draussen gewährleistet, Essen und Getränke gab es genug - natürlich nur für die typischen Wucherpreise. Die Akustik in der Halle war besser als erwartet, aber längst nicht perfekt. Die Lichtshow liess stark zu wünschen übrig und sollte sich auch den ganzen Abend über nicht verbessern: Von den Musikern sah man teilweise nur die Umrisse. Am Folgetag war das Licht dann um einiges besser.

Mit Papa Roach kam dann die Band, die nicht wirklich ins Programm des Altherrenrock-Festivals passte. Doch das spielte keine Rolle, zumal die meisten Zuschauer bereits beim mindestens zweiten Bier angelangt waren. Papa Roach um Sänger Jacoby Shaddix bot zweifelsohne eine geniale Show, konnte das Publikum sogar mit langsamen Songs wie „Scars“ total mitreissen. Jacoby kommunizierte viel mit dem Publikum und widmete all denen, die es zu Hause nicht einfach haben, den Song „Broken Home“. Interessant auch, dass er trotz Wasserflasche auf der Bühne wohl keinen Schluck getrunken hat, er spie den Inhalt im Stile eines Gene Simmons lieber ins Publikum.

Um 21:00 war ein letztes Durchschnaufen für die grosse Mehrheit der Besucher angesagt. Die Halle wurde voller, die bisher ziemlich unauffälligen Groupies waren plötzlich in den vordersten Reihen und spätestens nach ein paar Songs von Mötley Crüe dann auf den Schultern ihrer Partner zu sehen. Tommy, Nikki, Mick und Vince brachten die Halle zum Kochen. Über das Pyro-Verbot schauten sie übrigens locker hinweg. Sie begannen die Show mit ihrem ganz grossen Hit „Dr. Feelgood“. Auch andere Kracher wie „Live Wire“ und gegen Schluss natürlich „Girls, Girls, Girls“ fanden Platz. Mit einer kleinen Enttäuschung endete der erste Teil des Festivals dennoch: Mötley Crüe sah keinen Grund, auch nur eine einzige Zugabe zu spielen, wie übrigens die anderen Bands auch. Man hielt sich brav an die Zeitvorgaben. Aber eine solch etablierte Band mit all ihren Groupies, die unbeeindruckt ein Pyro-Verbot missachtet, dürfte wohl auch ein paar Minuten überziehen. Doch Tommy Lee musste ja noch nach Zürich, um als DJ aufzulegen… Trotzdem war die Stimmung genial und konnte am Folgetag trotz einiger Hochkaräter im Programm nicht wirklich getoppt werden.

Samstag, 2. Juni: Motherfucking Hard-Rock, Part II

Am Samstag wurden die Tore bereits um 15:30 geöffnet, da im Gegensatz zum Freitag fünf Bands auftreten sollten und man aus Rücksicht auf die Nachbarn die Party um 23:00 beenden wollte. Doch der Nachmittag begann gleich mit einer kleinen Verarschung: Wer nicht gleich bei Türöffnung in die Halle stürmte, verpasste glatt den Auftakt, denn China – die Schweizer Rockband, die ihr Comeback gab – spielte bereits um 15:45 und somit um 45 Minuten zu früh. Ihre Show war ordentlich. Dem Sänger merkte man die kleine Nervosität an, er bedankte sich für den Applaus mit “Danke vielmal”, fuhr dann allerdings mit der Ankündigung des nächsten Songs doch in Englisch weiter. Musikalisch war es aber eine starke Darbietung, auch von der Lichtshow her hatte man sich gegenüber dem Vorabend deutlich gesteigert.

Um 17:30 waren U.D.O. dran. U.D.O. ist eine deutsche Metal-Band um den charismatischen Sänger Udo Dirkschneider. Der kleine Deutsche mit der Brian-Johnson-Stimme und seine langhaarigen Gitarristen konnten auf viele Fans zählen, auch wenn noch mehr Leute ein Motörhead T-shirt trugen. Udo brauchte nicht mit dem Publikum zu kommunizieren (einmal begrüsste er es kurz auf Deutsch), er setzte seine Energie in die Songs, und das mit Erfolg: Das Publikum ging mit. Sogar als man Teile des Klavier-Klassikers „Für Elise“ ins Gitarrensolo übernahm. Und spätestens beim grossen Hit „Man And Machine“ hätte er sich eine Pause gönnen können, da ihn das Publikum ziemlich übertönte.

Um ca. 19:00 war dann die britische Heavy-Metal-Combo Saxon an der Reihe. Biff Byford, Sänger und Gründungsmitglied, unterhielt sich viel mit dem Publikum, nannte es, nachdem es auf seine Frage nach dem nächsten Song immer mit „a fast one“ geantwortet hatte, „crazy bastards“. Mit der Zeit wirkten Biff Byfords Fragen allerdings
aufgesetzt. Er fragte, ob das Publikum einen neuen oder alten Hit wolle und sagte – entgegen der Meinung des Publikums – einen Song aus dem neuesten Album an. Und dieser kam dann nicht wirklich gut an.

Um ca. 21 Uhr war es dann soweit: Die Mehrheit der Zuschauer kam auf seine Kosten, als „Mr. Rock’n’Roll“ Lemmy Kilmister mit seinen zwei Kumpanen die Bühne betrat, natürlich mit der obligaten Zigarette im Mundwinkel. Motörhead schlug gleich ein wie eine Bombe, die alten Jungs waren zusammen mit Mötley Crüe und teilweise Papa Roach die Stimmungsmacher des Festivals. Sie begannen die Show erstmals seit langem wieder mit „Snaggletoth“, das so manchem Hardcore-Fan in seiner langen Motörhead-Karriere verwehrt blieb. Danach kam das staubige „Stay Clean“. Lemmy stand natürlich in der typischen Pose da: Mikrophon-Ständer extrem hoch, das Mikro steil nach unten gerichtet, den Hals zu eben genanntem gestreckt. Auch das neue Album kam nicht zu kurz, war durch „Be My Baby“ und „One Night Stand“ sehr gut vertreten. Für einige Minuten verschwanden plötzlich die Manos Cornutos, und die Poger in den vorderen Reihen verstummten, als Mikkey Dee zu einem brillanten Schlagzeug-Solo ansetzte. Es blieben viele staunende Gesichter zurück. Ob es nun seine Idee war oder ob ihn Lemmy dazu drängte, um sich selber kurz ein Bierchen zu genehmigen und sein nasses Haar zu gelen, blieb ungeklärt. Apropos Bierchen: zu jenem stiess er dann symbolisch mit „cheers, motherfuckers“ an. Lemmy eben! Gegen Mitte des Konzerts forderten einige Fans „Killed By Death“, doch vorher spielte Motörhead noch andere Live-Kracher wie „I Got Mine“ und „Sacrifice“. Trotzdem war „Killed By Death“ natürlich unentbehrlich. Nach „Iron First“ wäre Motörheads Auftrittszeit eigentlich zu Ende gewesen, doch Lemmy liess noch die Hocker auf die Bühne stellen und sich die Bluesharp bringen, um den beliebten „Whorehouse Blues“ aus dem Inferno-Album zu spielen. Und natürlich kann ein Motörhead-Gig nicht ohne das Granaten-Paket „Ace Of Spades“ / „Overkill“ zu Ende gehen.

Mit Motörhead verliessen auch zahlreiche Zuschauer bereits vorzeitig die Halle, obwohl noch der Auftritt von Heaven & Hell, dem Headliner auf dem Programm stand. Warum sie und nicht Motörhead als Aushängeschild des Festivals betitelt wurden, war vielen neutralen Fans nicht klar, wie man vor der Halle von wild diskutierenden Zuschauern vernehmen konnte. Und ihrer Rolle wurden sie schliesslich auch nicht gerecht, vermochten das Publikum trotz einem sehr soliden Auftritt nicht annähernd so zu begeistern wie Motörhead oder Mötley Crüe sowie Papa Roach am Freitag.

Unter dem Strich erlebten die Zuschauer ein solides Rock-Festival, das neben der guten Musik von einigen Unannehmlichkeiten (Lichtershow, keine Zugabe von Mötley Crüe, verspätete Türöffnung, verfrühte Auftritte) geprägt war. Und trotz des auf dem Papier besseren Programms am Samstag war die Stimmung am Vorabend tatsächlich besser.
Nicolas Kesper


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