INTERVIEW MIT BO KATZMAN

Foto Frank Nader

Was macht Bo Katzman, wenn sein Chor nicht rechtzeitig zum Konzert erscheint? Wir haben den Basler Entertainer, der mit seinem Chor dieses Jahr das zwanzigjährige Jubiläum feiert, zum Interview getroffen.

hitparade.ch: Ich habe neulich jemandem erzählt, dass ich ein Interview mit dir führen und evt. wieder mal ein Konzert von dir besuchen werde. Die Person sagte mir, dass sie weissen Blues und weissen Gospel nicht so sehr wie jenen der Schwarzen mag, weil es halt nicht authentisch klinge. Kennst du dieses Vorurteil?
Bo: Natürlich. Gospel dürfen nur Schwarze machen, wir klauen deren Musikstil. etc. Das kenne ich schon, ja. Aber der Gospel ist ein Thema, kein Musikstil. Klar, die Schwarzen interpretieren ihn anders als wir. Wir müssen unseren eigenen Weg finden. Es gibt aber auch Chinesen, die besser Beethoven spielen als Deutsche. Musik ist eine internationale Sprache, die keine Hautfarben kennt. Die Musik gehört allen. Jeder darf.

hitparade.ch: Solange es ehrlich ist. Ein achtzigjähriger Schwarzer, der sein Leben lang Baumwolle gepflückt hat, bringt den Blues meiner Meinung nach ehrlicher rüber als ein Weisser.
Bo: Auch aktuelle schwarze Bluesmusiker haben keine Baumwolle mehr gepflückt. Jeder Mensch hat Emotionen, für den Blues musst du nicht jahrelang Baumwolle gepflückt haben. Es muss einfach ehrlich sein.

hitparade.ch: Du hast im Alter von acht Jahren eine Gitarre bekommen und dann auch schon bald einen kleinen Gospelchor gegründet. Wie kommt man von der Gitarre zum Gospel?
Bo: Ich war nie ein klassischer Gitarrist. Die Gitarre war mein Bandersatz. Ich kann nur begleiten. Und das reicht. In der Pfadi, wo ich diesen Chor gegründet habe, habe ich gesungen und den Chor mit der Gitarre begleitet.

hitparade.ch: War der Gospel der erste Musikstil, der dich interessiert hat?
Bo: Nein, vorher habe ich oft die Hitparade verfolgt und nachgesungen. Das waren Lieder wie "Rote Lippen soll man küssen" oder "Der Mann im Mond". Alles war deutsch damals.

hitparade.ch: Wie kann man sich den Jahresablauf von Bo Katzman vorstellen? Musst du bereits im Frühling in Weihnachtsstimmung sein?
Bo: Nenn du mir ein Album mit Weihnachtsliedern. Es gibt genau eines, jenes aus dem Jahr 2000.

hitparade.ch: Du giltst aber als Weihnachtsmusiker.
Bo: Ja, das ist ein kleiner Irrtum.

hitparade.ch: Aber das Interesse an einer Sommertournee wäre doch niemals so gross wie das Interesse an deinen Herbst- und Wintertourneen.
Bo: Da hast du Recht. Die Weihnachtszeit kommt uns entgegen. Wie du richtig sagst: Die Leute sind dann empfänglicher für unsere Musik.

hitparade.ch: Du hast anno 2001 deine Rocker-Karriere an den Nagel gehängt.
Bo: Das war keine Abschiedstournee als Rockmusiker, sondern ein Jux: 1981 hatten wir unsere erste Tournee als Bo Katzman Gang. Zwanzig Jahre später wollten wir die alten Songs nochmals aufleben lassen. Aber ich bin auch jetzt noch ein Rocker. Gospel ist tiefgründiger Rock'n'Roll.

hitparade.ch: Da hast du Recht. Dein letztes Album war ziemlich bluesig, auf der neuen Scheibe ist ein Cover des Doors Klassikers "Riders On The Storm" - du bist noch immer ein Rocker.
Bo: Auf jeden Fall. Aber "Riders On The Storm" hat auch einen sehr spirituellen Text.

hitparade.ch: Du hast letzten Herbst verlauten lassen, dass du dir eine Teilnahme am Eurovision Song Contest vorstellen könntest, dir aber der Siegesdruck nicht so sympathisch sei.
Bo: (Unterbricht) Ich gehe jetzt noch weiter: Ich kann es mir keinesfalls mehr vorstellen. Der Eurovision Song Contest hat nichts mehr mit Musik zu tun.

hitparade.ch: Immerhin lastet auf den westeuropäischen Ländern kein Siegesdruck mehr. Die gewinnen sowieso nie.
Bo: Ich bin ein Widder im Sternzeichen.

hitparade.ch: Ich auch.
Bo: Also, dann weißt du, dass ein Widder Siegeschancen sehen muss. Sonst interessiert es ihn nicht.

hitparade.ch: Auf deiner Webseite suchst du laufend Sängerinnen und Sänger für den Chor: Man müsse kein Profi sein und nur mindestens 50% der Konzerte besuchen. Hast du Angst, dass dir ein professioneller Chor die Show stehlen könnte?
Bo: Der Chor ist ein bestehender Stock aus 186 Leuten. Immer wieder treten einige aus: Sie werden krank, ziehen um oder kriegen ein Kind. Diese gilt es zu ersetzen. Aus ca. 120 Bewerberinnen und Bewerbern suchen wir dann 10-15 Leute aus. Nur: Ein Profi lebt von der Musik. Aber von deiner Gage als Chor-Mitglied kannst du unmöglich leben. Ich habe keine Angst, ich hätte gerne einen hoch professionellen Chor. Doch das ist eine Frage des Preises. Dann müssten man für ein Konzert 7'000 Franken hinblättern.

hitparade.ch: Dein Chor ist mehr oder weniger ein bestehender Chor?
Bo: Ja. Einige sind seit dem Anfang, seit zwanzig Jahren, dabei. Man verpflichtet sich auch, mindestens zwei Jahre dabei zu sein.

hitparade.ch: Wann schaut ihr euch die Bewerbungen an?
Bo: Zwischen Januar und März nehmen wir neue Leute auf.

hitparade.ch: Kommen wir zur Gegenwart, zum aktuellen Album und zur aktuellen Tour: Ich finde, dass euch in Sachen Cover die Ideen ausgehen. Das aktuelle sieht doch sehr wie z.B. dasjenige von "Heaven & Earth" aus. Oder ist das Absicht?
Bo: Letztes Jahr war's doch ganz anders. Aber du hast Recht, es sind immer drei Komponenten, die drauf sein müssen: Der Chor, ich und ein Stück Natur.

hitparade.ch: Es geht um den Wiedererkennungswert?
Bo: Ganz genau. Vor zwei Jahren waren wir ziemlich mutig: Ich war kleiner, hinter mir der Chor und ein roter Vorhang. Und es hat sich bedeutend schlechter verkauft als die blauen Alben. Seit damals wissen wir: Es muss blau sein.

hitparade.ch: Letztes Jahr war es aber nicht blau.
Bo: Das stimmt. "The Gospel Road" kann nicht blau sein. Dass muss staubig und erdig sein. Aber schau dir die aktuelle CD "Soul River" an. Das ist wieder mein Blau (lacht).

hitparade.ch: Wie kam es zum Medley? Konntet ihr euch nicht auf ein paar wenige Songs einigen?
Bo: Ich wollte zum Zwanzigjährigen irgendetwas Spezielles. Ich habe gemerkt, dass es viele Songs mit "River" gab, also habe ich ca. vier bis fünf solche Songs einstudiert. Aber mir hat das nicht gereicht. Auf die Idee mit dem Medley kam ich durch die Beatles. Ich habe damals ihre Biographie gelesen. Paul McCartney erzählt, wie sie ihr letztes Album "Abbey Road" aufnahmen: Jeder kam mit verschiedenen Fragmenten, welche sie dann zu einem Medley zusammengesetzt haben. Da war mir klar, dass ich auch ein Medley machen will, am besten gleich aus fünf oder sechs Songs. Man hat mich dann gefragt, ob ich nicht zehn machen könnte. Nah langem Überlegen habe ich zugesagt. Zehn Songs zu einem Medley zu verschmelzen, das ist keine einfache Sache. Nur wenige Stunden später kam dann der Manager mit der ganz verrückten Idee, zum Zwanzigjährigen ein Medley aus zwanzig Stücken zu machen. Nun gut, dachte ich mir, dann muss es aber 20 Minuten und 20 Sekunden lang sein (lacht). Ich hatte Monate, um das zu timen.

hitparade.ch: Und kaum beginnst du zu singen, musst du an den nächsten Übergang denken, kannst dich kaum mit einem Song auseinandersetzen. Ich stelle mir das sehr schwer vor.
Bo: Ganz genau! Es ist eine Achterbahnfahrt durch die Gospel-Geschichte.

hitparade.ch: Etwas ganz Neues für dich.
Bo: Ja, aber auch für dich als Hörer - es ist anstrengend und braucht Kraft.

hitparade.ch: In diesem Jahr hast du neue Show-Konzepte initiiert: Bo Katzmann & The Soul Sisters, Bo Katzman Singers und Bo Katzman Solo. Erklär mal.
Bo: Stell dir den Bo Katzman Chor als fetten, rahmigen Kuchen vor. Ich hatte Lust, irgendwann mal ein kleines, aber feines Stück Brot zu essen. Etwas Kleines zu machen. Der Pianist und ich, also Bo Katzman Solo. Zu den Soul Sisters: Ich bin mit dem Soul aufgewachsen. Und damit meine ich den wirklichen Soul und nicht den aktuellen Maschinensoul. Bo Katzman & The Soul Sisters kann man buchen. Und dann kommen wir noch Veranstaltern mit kleinem Budget und nicht viel Platz entgegen, in dem ich nur zwölf Sängerinnen und Sänger aus dem Chor mitnehme. Das sind die Bo Katzman Singers. Die Soul Sisters sind übrigens wirklich Profis.

hitparade.ch: Schon mal irgendwo aufgetreten?
Bo: Ja, mit den Soul Sisters und auch Solo.

hitparade.ch: Und beides kam gut an?
Bo: Ja, was nicht Erfolg bringt, mache ich nicht.

hitparade.ch: Hattest du mal eine Idee, die dem Publikum nicht gefiel?
Bo: Ja, früher war ich mal nur Dirigent des Chors, mit dem Rücken zum Publikum. Das war definitiv nichts. Seit dann singe ich - mit dem Rücken zum Chor.

hitparade.ch: Nubya, die in deinem Chor mitsingt, haben wir kürzlich interviewt. Sie hat dich in höchsten Tönen gelobt. Wie schätzt du selbst deinen Stellenwert in ihrer Karriere ein?
Bo: Sie sagt, dass ihr erster Auftritt mit mir damals ihre Karriere ins Rollen gebracht hat. Ich will mich aber nicht als Entdecker und Förderer aufspielen. Es hat sich so ergeben.

hitparade.ch: Wie siehst du ihre Zukunft?
Bo: Nubya hat viele Vorteile: Eine schöne Figur, eine sonnige Ausstrahlung und eine tolle Stimme. Sie wusste aber lange nicht, wo sie hingehört. Darum habe ich mit ihr das neue Album aufgenommen, auf dem wir englische Rock-Klassiker gecovert haben.

hitparade.ch: Ja, ich als KISS-Fan habe mir natürlich schon Nubyas Version von "I Was Made For Lovin' You" angehört.
Bo: Und du erkennst den Song bis zum Refrain nicht, richtig? Wir haben jedem Song ein komplett neues Kleid verpasst. "Rock Chills" wäre sicher ein idealer Titel für das Album gewesen. Nubya ist eine gut angelegte Aktie im Musik-Business.

hitparade.ch: 20 Jahre Bo Katzman Chor - Halbzeit?
Bo: Solange wir Freude und Fans haben, ja. Johannes Heesters geht mit 102 Jahren noch auf die Bühne. Als Musiker kannst du getrost alt werden - im Gegensatz zu Tänzern oder Sportlern. Du wirst mich in dreissig Jahren noch interviewen. (lacht)

hitparade.ch: Dem neuen Album hast du eine Bonus-CD mit deinen besten Kompositionen beigelegt. Nach welchen Kriterien hast du die ausgewählt.
Bo: Die, die am besten bei den Fans ankommen.

hitparade.ch: Wie merkst du, welche Songs das Publikum mag?
Bo: Durch den Kontakt nach den Konzerten im Foyer. Die Idee kam übrigens vom Publikum, das schon lange eine Best-Of gefordert hat. Es ist ein Geschenk, das Album kostet deswegen nicht mehr.

hitparade.ch: Hast du eine lustige Anekdote aus diesen zwanzig Jahren, die du gerne erzählst?
Bo: Da gibt es dreierlei: Als ich früher noch Musik unterrichtet habe, habe ich einen Liebesbrief einer elfjährigen Schülerin bekommen: Lieber Bo Katz-Man, ich liebe Sie, obwohl sie so ein Pluffsack sind. Pluffsack mit "P". Das ist wahre Liebe! Mit Kindern habe ich viel Witziges erlebt. Nach einem Konzert kam einmal ein kleines Mädchen mit ihrer Mutter zu mir und sagte mir: Hallo Bo, kennst du mich noch? - Tut mir Leid, junge Dame, aber ich kann mich nicht an dich erinnern. - Aber neulich im Fernsehen hast du mir zugezwinkert!

hitparade.ch: Das ist süss, ja.
Bo: Aber das Beste kommt noch: Vor einigen Jahren kam plötzlich ein gewaltiger Kälteeinbruch, so dass innert Kürze die Strassen vereist und der Verkehr nahezu lahm gelegt war. So kam es, dass 1800 Leute um 20.00 Uhr im Kongresshaus auf das Konzert gewartet haben und nur gerade ich mit der Band und zwölf Chormitgliedern, natürlich jenen aus Zürich, auf der Bühne stand. Absagen konnte ich den Abend nicht, weil die Leute aufgrund des lahm gelegten Verkehrs gar nicht nach Hause hätten gehen können. Schliesslich schickte ich die zwölf Zürcherinnen und Zürcher in die Garderobe und bat das Publikum, den Chor zu ersetzen. Wir haben zusammen ein Programm einstudiert. Das Publikum hat Texte gelernt und wir haben gut eine Stunde musiziert. Der Manager hat mir vorgeschlagen, als Belohnung jedem ein Cüpli zu spenden. Wir haben an diesem Abend zwar nichts verdient, aber was willst du machen? Um 22.00 Uhr kam der Rest des Chors dann endlich an…

hitparade.ch: …und ihr habt das ganze Programm noch gespielt?
Bo: Genau. Wir haben bis um Mitternacht noch unser übliches Programm gespielt. Ich stand viereinhalb Stunden auf der Bühne, verdient haben wir nichts…

hitparade.ch: …aber es hat Spass gemacht.
Bo: Und Sympathien geweckt. Ich denke, dass viele dann jedes Jahr wieder gekommen sind.

hitparade.ch: Vielen Dank für das lange und ausführliche Interview. Diskutieren wir nun über die Top-10 der Hitparade.
Bo: Lasst sie mich zuerst kurz durchlesen, ich habe schon lange keine mehr gehört.

10. Britney Spears - Gimme More
Bo: Ungelenk wie ein Storch hat sie "Gimme More" vorgestellt. Das war ein sehenswerter Auftritt, der ging nicht mal an mir vorbei. Das war beste Werbung. Ein gelungener Auftritt hätte niemals soviel Aufsehen erregt. Der Song ist aber gut.

8. Fergie - Big Girl Don't Cry
Bo: Eine sehr gute Sängerin, gefällt mir.

7. Natasha Bedingfield - Soulmate
Bo: Ich wusste nie, ob sie nun Schauspielerin oder Musikerin ist. Aber ihre Soulstimme ist wirklich stark. Das Album ist aber schon länger draussen. Ich glaube, ich habe es schon mal durchgehört.

6. Timbaland feat. Keri Hilson - The Way I Are
Bo: Wie geht das? Timberlake ist Timbalands Produzent? Oder umgekehrt? An den Song mag ich mich nicht erinnern.

5. DJ Ötzi & Nik P. - Ein Stern (…der deinen Namen trägt)
Bo: DJ Ötzi ist ein lustiger Typ, aber seine Musik führe ich mir höchst selten zu Gemüte (grinst).

4. 50 Cent feat. Justin Timberlake - Ayo Technology
Bo: Ich mag Rap nicht sonderlich. Und Timberlake ist eine Mischung zwischen genialem Musiker und blutleerem Zombie. Seine Musik groovt, aber der Sex und Dreck fehlt. Knochen ohne Fleisch.

3. Eros Ramazotti & Ricky Martin - Non siamo soli
Bo: Die passen zusammen.

1. James Blunt - 1973
Bo: Er hat Platz 1 verdient. Er macht gute Musik, die man sofort erkennt. Drei Sekunden und du weißt, dass es ein Song von James Blunt ist.

hitparade.ch: Neuerdings gibt es auch reine Downloads in den Single-Charts - schafft es ein Song deines neuen Albums in die Charts?
Bo: Am ehesten der Titelsong "Soul River". Er ist zwar nicht für Zwölfjährige geschrieben, das Zielpublikum ist hier eher fünfundzwanzig und älter. Er erinnert an die Grease Zeit, 6/8-Takt. Das könnte ein Hit werden (lacht).


Linktipps:
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