INTERVIEW MIT JOVANOTTI

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Schon als Teenager war Jovanotti, der Rapper, im Musik-Business tätig. "Jovanotti For President" lautete der selbstbewusste Titel seines Debütalbums.
Seither sind über 25 Jahre vergangen und der inzwischen 45jährige italienische Vollblutmusiker steht nach wie vor mit voller Leidenschaft auf der Bühne. Bei der Song- und Albumproduktion versucht er jeweils, Gewisses beizuhalten und Anderes zu ändern. Auch bei seinem neusten Wurf "Ora" ist dies nicht anders: Man erkennt Jovanotti sofort wieder, entdeckt aber auch ganz neue Seiten. "Ora" zeigt also im wahrsten Sinne des Wortes das "Jetzt" von Jovanotti, alias Lorenzo Cherubini aus Roma.


hitparade.ch: Seit deinem letzten, sehr erfolgreichen Album "Lorenzo Safari" sind drei Jahre vergangen. 120 Wochen lang hat es sich in den italienischen Charts gehalten. Wie hast du diesen Erfolg erlebt? Und was ist in den letzten drei Jahren so passiert?
Jovanotti: Ich habe sehr viel Zuneigung von den Menschen gespürt. Ich habe Musik gemacht, viele Konzerte gegeben. Sehr viele Menschen haben mich in den letzten drei Jahren angelächelt. Egal wo ich hingegangen bin, kamen Leute auf mich zu. Wenn ich in einem Restaurant war, kamen immer wieder Leute, um mich um ein Autogramm zu bitten oder um mich zu umarmen. So fühlte sich dieser Erfolg an. Und auch meine Freunde sagten mir, dass sie meine Songs mögen. Mein Vater, meine ganze Familie steht hinter mir. Das ist der wahre Erfolg. Erfolg zu haben ist ein Privileg, er macht das Leben einfacher. Man wird gemocht, die Leute mögen es, wenn du da bist. Aus meiner künstlerischen Sicht ist Erfolg eigentlich Schicksal. Ich mache immer das Beste, das ich kann. Ich arbeite hart, und noch härter. Wenn ich zwei Meter springe, dann springe ich beim nächsten Mal einfach zwei Meter und fünf Zentimeter (lacht). Das ist Erfolg: Ich springe, und möchte noch höher springen.

hitparade.ch: Auch in der Schweiz läuft es rund, deine letzten 3 Alben waren hier in den Top 10. Ein Album hätte es um ein Haar auf die 1 geschafft. Warum, denkst du, kommst du in der Schweiz auch immer besser an?
Jovanotti: Die Schweiz ist für mich kein fremdes Land. Ich fühle mich hier wohl und zuhause. Es gibt eine lange Liste von Konzerten, die ich hier gespielt habe, ob an Open Air Festivals oder in Clubs. Ich mag das Schweizer Publikum, denn es liebt Musik. Die Schweizer sind immer offen für neue und gute Musik, und das ist der Grund, weswegen ich es liebe, hier zu spielen. Was den Erfolg hier angeht: Den gibt es, weil ich einfach happy bin, wenn ich hier bin. Ich denke nicht darüber nach, wer wohl meine Musik mag und wer nicht. Ich versuche, einfach das Beste, was ich kann, zu machen, für mich selbst. Ich mache Musik, die ich mir auch selbst anhören möchte. Ich mache Alben, damit ich stolz auf das Resultat sein kann. Ich mache das nicht für den Erfolg: Mein Erfolg ist es, wenn ich ein gutes Album gemacht habe mit Musik, die ich mag. Natürlich ist das Marketing auch ein Teil meines Jobs, der sehr wichtig ist. Ich mag diesen Teil auch, ich sträube mich nicht dagegen. Aber: Wenn ich im Studio bin und Musik mache, dann bin ich ein Künstler - und stehe den mysteriösen Mechanismen der Kreativität gegenüber.

hitparade.ch: Dein neues Album "Ora" ist bereits das 18. Album! Es steht im Zusammenhang mit einem Comic. Kannst du mehr über den Comic erzählen?
Jovanotti: Ich mag es, Bilder zu kreieren über Dinge, die bei meiner Arbeit passieren. Es können Videos sein, Fotografien oder auch gesprochene Worte… Wenn man ein Album präsentiert, dann präsentiert man seine Welt. Das Albumprojekt ist auch ein Weltprojekt. Die Welt der Fantasien. Was den Comic angeht: Ich liebe Comics und lese sie auch gerne. Auf meinem Handy habe ich dann mal eine Applikation gefunden, mit der man sehr schnell Comics gestalten kann. Als wir im Studio waren, hat ein Freund von mir dann solche erstellt. Es geht total schnell, ist günstig und macht Spass. Also haben wir solche Comics gemacht. Wir haben das also nicht mit einem Comiczeichner gemacht, sondern einfach nur mein Freund und ich.

hitparade.ch: "Ora" bedeutet "Jetzt". Was ist jetzt für dich wichtig?
Jovanotti: "Jetzt" ist wichtig. Manchmal denken wir zuwenig über das "Jetzt" nach. Meist denken wir nur an die Zukunft oder an die Vergangenheit und investieren unsere Energie nur auf diese beiden Dinge. So vergessen wir manchmal, was wirklich wichtig ist: Das Jetzt. Wer bin ich? Was sind meine Wünsche? Wie fühle ich mich? Und wie fühlst du dich? Ich möchte die Zeit, die ich mit mir verbringe, lieben. Normalerweise höre ich viel alte Musik aus den 80ern und 70ern. Als ich "Ora" gemacht habe, habe ich, ganz entgegen meiner Gewohnheiten, neue Musik gehört. Ich habe aktuelle Popmusik und auch elektronische Musik gehört. Die aktuelle Musik ist voller Kreativität, es ist eine gute Musik-Zeit. Ich liebe mein Jetzt.

hitparade.ch: Dein Album birgt viele ungewöhnliche Dinge. Beim Song "L'elemento umano" sind ungewöhnliche Instrumente, wie beispielsweise eine Panflöte, zu hören. Experimentierst du gerne mit neuen Instrumenten?
Jovanotti: Ja, das mag ich sehr! Wenn ich im Studio bin, dann spiele ich mit allem, was herumsteht. Wenn in einem Studio Flaschen herumstehen, dann spiele ich mit den Flaschen. Wenn Keyboards herumstehen, probiere ich mich darauf aus. Ich denke eigentlich nie darüber nach, was ich spielen möchte. Ich spiele einfach. Und den Ort suche ich mir selbst aus. Das Studio in Milano habe ich mir ausgesucht, weil es da viele Maschinen und Spielzeug hatte. Wir haben ganz viel elektronische Sachen ausprobiert. Und da lag dann auch eine Panflöte herum. Mein Bassist hat dann einfach die Panflöte genommen und zu unserem Song darauf gespielt. Wir mochten diesen Sound, also haben wir die Aufnahme verwendet.

hitparade.ch: Der Song "La bella vita" klingt afrikanisch. Welchen Bezug hast du zu dieser Kultur?
Jovanotti: Ich habe eine sehr tiefe Verbindung zur afrikanischen Kultur. Ich bin in Rom aufgewachsen, mein Vater hat in Vatikan City gearbeitet. In Rom gibt es sehr viele afrikanische Menschen und man spürt die Kultur. So hatte ich schon als Kind eine Beziehung zu diesem Land. Als ich später das Land bereist habe, habe ich die afrikanische Musik kennen- und lieben gelernt. Die unglaublichen Wurzeln der Musik, die heutige Art, dort Musik zu leben. Hier wollte ich dieser Beziehung einen Tribut zollen. Immer wenn wir von Afrika sprechen, reden wir über die dramatische Situation, über all die Probleme auf diesem Kontinent. Wir vergessen manchmal, über die wunderbare Kultur zu sprechen: Sie ist wunderschön, reich, unglaublich. Und die Musik ist einzigartig.

hitparade.ch: Zu deiner aktuellen Single gibt es ein kurzes Action-Video. Was hat dich zu diesem Video inspiriert?
Jovanotti: Wir wollten ein Action-Filmchen machen. Ein Filmchen mit Gewalt, Action und Special Effects. Also haben wir uns Tarantino-Filme angeschaut oder auch italienische B-Filme aus den 70ern. All diese spannenden Sachen, beispielsweise von den Cohen Brothers, haben wir uns angeschaut. Wir suchten nach Hinweisen, wie so etwas entsteht. Der Produzent des Films hat das Drehbuch geschrieben und wir haben das Ganze in Budapest gedreht. Es war eine richtig teure Produktion. Ich wollte meinem Publikum damit ein Geschenk machen. Nicht einfach ein Video, sondern mehr!

hitparade.ch: Wie hat dir die Erfahrung gefallen zu schauspielern?
Jovanotti: Es war eine tolle Erfahrung! Ich hatte mich zuvor noch nie geprügelt in meinem Leben! (lacht). Wir haben dort richtig gelernt, wie das geht. Das hat total Spass gemacht.

hitparade.ch: Die Stunts hast du alle selbst gemacht?
Jovanotti: Ja! Es war super!

hitparade.ch: Worum geht es im Song?
Jovanotti: Es ist ein romantischer Lovesong. Superromantisch. Er beinhaltet all die Liebe, die in mir ist. Im Song heisst es, dass ich ALLES tun würde für die Liebe. Und im Video geht's darum: Alle wollen ihn töten, aber er ist verliebt und so überlebt er!

hitparade.ch: Du singst, hast Platten aufgelegt, schreibst Bücher, bist Schauspieler, malst Bilder. Gibt es etwas, das du gerne machen würdest, aber die Zeit dafür immer gefehlt hat?
Jovanotti: Ja, ich würde unglaublich gerne Tanzen lernen! Einen Tap-Dance oder Tango! Das würde mir gefallen. Traditionelle Tänze interessieren mich, ich liebe Tango. Es gäbe auch unzählige Bücher, die ich noch gerne lesen und Filme, die ich noch gerne sehen würde. Und auch neue Länder bereisen würde ich viel mehr, wenn ich die Zeit hätte.

hitparade.ch: Schon als Teenager hast du mit Musik begonnen. Hattest du jemals vor, einen anderen Beruf zu erlernen, oder wusstest du von Anfang an, dass du voll auf die Musik setzen würdest?
Jovanotti: Es war nie klar, das ist es bis heute nicht. Ich mache Musik, weil ich Musik wunderschön finde! Es ist ein Weg, eine tiefe Verbindung zu mir selbst, zu meinem Inneren, aufzubauen. Musik macht die Menschen glücklich. Ich liebe es, die Menschen glücklich zu machen, das gibt mir viel Kraft. Es ist schön, jemanden zu sehen, der auf etwas, das ich tue, positiv reagiert. Musik gibt mir diese Chance. Ich bezeichne mich aber noch immer als Lernenden, was die Musik angeht. Als ich mit der Musik angefangen habe, war ich mir noch nicht sicher, ob das meine weitere Karriere sein könnte. In der Musik habe ich Elemente gefunden, die mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin. Und das war es, was ich werden wollte: Eine echte Person.

hitparade.ch: Italien macht dieses Jahr nach 14 Jahren Pause wieder beim Eurovision Song Contest mit. Wie denkst du über diesen Songwettbewerb und die lange Pause von Italien?
Jovanotti: Italien ist irgendwie ein zurückgezogenes Land. Ich denke, dieser Contest ist für Italien nicht so wichtig. Ich habe nicht einmal gewusst, dass dieser Contest noch existiert (lacht).

hitparade.ch: Der italienische Teilnehmer wird von einer Jury aus dem diesjährigen Festival in Sanremo ausgewählt. Auch du bist bereits in Sanremo aufgetreten. War der Eurovision Contest jemals ein Thema für dich?
Jovanotti: Nein, nie! Ich war 19, als ich mal an einem Contest war, aber das war nie ein Thema für mich.

hitparade.ch: Als einer der Ersten hast du bereits 2004 dein Live 2002 Album nur auf iTunes veröffentlicht. Was waren die Erfahrungen damals damit?
Jovanotti: Ich glaube an den digitalen Markt. Ich bin bei einem Major Label und bin an Verträge gebunden, doch ich finde das Experimentieren im Internet extrem spannend. Es war ein spannendes Experiment, denn da ist ein neuer Markt und der wird immer grösser. Und das Interessante für mich war es, dass ich damit mehr Leute erreichen kann. Es gibt jetzt Musik, die wir haben können, ohne in ein Plattengeschäft gehen zu müssen, viele logistische Vorgänge fallen weg… Das ist eine Revolution im Musikgeschäft.

hitparade.ch: Neue Medien ermöglichen Vieles, das Internet eröffnet Künstlern neue Möglichkeiten. Wo siehst du die Chancen? Wo die Gefahren?
Jovanotti: Ich sehe mehr Möglichkeiten als Gefahren. Promotion ist einfacher, und man kann mit den Menschen in Kontakt treten. Ich entdecke sehr viel Neues im Internet. Viele Künstler sind bei Twitter, beispielsweise. Wenn bei mir ein Konzert vor der Tür steht, dann kann ich über's Internet viel einfacher dafür werben. Wir befinden uns in einer fantastischen digitalen Ära. Ich bin sehr enthusiastisch, was das angeht. Ich sehe die negativen Seiten gar nicht so. Aber negative Seiten gibt es immer! Auch die Sonne kann negativ sein. Wenn man an einem heissen Sommertag 12 Stunden lang in der Sonne steht, bekommt man Sonnenbrand. Also kann die Sonne auch gefährlich sein. Aber die Sonne hat doch so viele positive Seiten! (lacht).

hitparade.ch: Im April bist du wieder auf Tour in Italien. Ist auch schon etwas für die kommende Festivalzeit in der Schweiz geplant?
Jovanotti: Dieses Jahr nicht. Diesen Sommer konzentrieren wir uns voll auf Italien. Wir werden aber im Mai in Basel sein für ein Konzert. Ich denke, dass ich 2012 für die Open Airs in der Schweiz da sein werde! Es könnte vielleicht sein, dass ich an einem Open Air im Juni oder Juli in Locarno sein werde, aber das steht noch nicht fest.

hitparade.ch: Kommen wir zur Top 10 der Schweizer Hitparade. Welche Songs kennst du?

10. Bruno Mars - Just The Way You Are
Jovanotti: Ich mag Bruno Mars, er ist ein guter Songwriter. Der Typ hat Talent, ich denke, der wird auch zukünftig noch sehr präsent sein.

9. The Black Eyed Peas - The Time (Dirty Bit)
Jovanotti: Ich liebe die Black Eyed Peas, die sind unglaublich. Das neue Album "The End" ist der Wahnsinn. Das ist eines der unglaublichsten Alben der letzten Jahre. Ich liebe es!

8. Taio Cruz feat. Kylie Minogue - Higher
Jovanotti: Das ist nicht unbedingt mein Favorit. Aber ich respektiere es.

7. Duck Sauce - Barbra Streisand
Jovanotti: Der Song ist klasse, ich liebe ihn! Ein Superhit!

6. Hurts - Stay
Jovanotti: Den Song kenne ich nicht.

5. Israel IZ Kamakawiwo'ole - Over The Rainbow
Jovanotti: Das ist alt! Der Song ist unglaublich! Die Interpretation von Israel ist fantastisch!

4. Milk & Sugar vs. Vaya Con Dios - Hey (Nah Neh Nah)
Jovanotti: Kenne ich nicht. Ist das gut? (lacht).

3. DiddyDirtyMoney feat. Skylar Grey - Coming Home
Jovanotti: Diddy ist nicht mein Favorit. Den Song kenne ich nicht.

2. Adele - Rolling In The Deep
Jovanotti: Adele ist gut! Sie ist unglaublich talentiert, sie ist eine gesegnete Künstlerin! Ihr Album ist toll!

1. Bruno Mars - Grenade
Jovanotti: Wie schon erwähnt finde ich den Typen super, ich mag die Art, wie er Songs schreibt. Er macht Pop, aber in sehr hoher Qualität. Wenn Pop und Qualität sich treffen, dann hast du ein Bingo!
Interviewed by: Steffen Hung
Redaktion: Bettina Siegwart


Linktipps:
Das neue Album "Ora" anhören und downloaden
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