INTERVIEW MIT BLIGG

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Es gibt viele Formen, etliche Wege und diverse Möglichkeiten, "Danke" zu sagen. Bligg hat sich für eine Deluxe Edition seines mit 3fach Platin ausgezeichneten Albums "Bart aber herzlich" entschieden. Das Resultat trägt den Titel "Brass aber herzlich" und wurde in Amerika mit der "Youngblood Brass Band" eingespielt. Wir haben Bligg zum Interview getroffen.

hitparade.ch: Wer sich unsere älteren Interviews und die Videos mit dir ansieht, merkt, dass du deine Bewertungen auf hitparade.ch mitverfolgst. Du adressierst dich dort an deine Fans und auch an deine Hasser. Die Reviews für dein neues Album "Brass aber herzlich" könnten einerseits heissen "Gute CD - Bligg wieder einmal sehr innovativ!", aber auch "Nach dem erfolgreichen Album folgt die Superspecial-Edition, nach dem nächsten Album die Deluxe-Edition...".
Bligg: Ist das so schlimm? (lacht)

hitparade.ch: Man könnte es dir durchaus vorwerfen. So à la "Ach, ich war so erfolgreich, warum neue Songs schreiben, wenn ich die alten aufwärmen kann?"
Bligg: Die Produktion für die neue CD "Brass aber herzlich" war so teuer, dass wir es wohl kaum schaffen, diese Kosten mit den Einnahmen wieder zu decken. Wir müssten dazu eine Unmenge von CDs verkaufen.

hitparade.ch: Und du denkst nicht, dass das möglich ist?
Bligg: Nein. Das ist das teuerste Album, das ich jemals aufgenommen habe.

hitparade.ch: Du sprichst damit bestimmt ein breites Publikum an. Aber wird diese Neuinterpretation deinen treusten Fans, sozusagen deinen Stammkunden, gefallen?
Bligg: Das weiss ich nicht. Die Musik ist sehr hochstehend und zeigt eine neue Facette von mir als Künstler. Ich bin grundsätzlich jemand, der sich getraut, neue Dinge in die Finger zu nehmen, wobei ich immer auch Gefahr laufe, dass es den Leuten nicht gefällt. Mit diesem Risiko muss ich als Musiker leben.

hitparade.ch: "Brass aber herzlich" ist demnach aus purer Leidenschaft entstanden?
Bligg: Für die CD gibt es eigentlich zwei Gründe. Sicher ist die CD aus purer Leidenschaft entstanden. Ich habe mich auch nicht lumpen lassen! Nicht nur das Klangbild der Lieder, die zum Teil Richtung Dubstep oder Carribean-Sound gehen, ist anders. Ich schrieb zudem einige Lyrics um, nicht alle Texte sind mehr wie auf der ersten Version.

hitparade.ch: Was ist der zweite Grund?
Bligg: "Brass aber herzlich" soll ein Dankeschön für meine treuen Fans sein. Natürlich hätte ich die Edition nicht machen müssen, von der Original-CD verkaufte ich 110'000 Exemplare - das sind mehr als es sich manche grosse Künstler nur wünschen könnten. Ein Dankeschön also auch an meine Fans, die meine Musik nicht einfach illegal downloaden, sondern ganz offensichtlich wirklich kaufen! Eine Tatsache, die heute nicht mehr selbstverständlich ist. Zugegeben, auch ich würde wenn ich jung wäre und wenig Geld hätte, mir zweimal überlegen, eine CD im Laden zu kaufen oder einfach illegal zu beziehen.

hitparade.ch: Der illegale Download von Musik ist auch in unseren Interviews, gerade bei Rappern, immer wieder ein Thema. Viele sprechen die Problematik an und versuchen ihn zu bekämpfen. Was machst du dagegen?
Bligg: Ich mache etwas dagegen, in dem ich eine Platin-Edition veröffentliche, bei der die Käufer meiner Meinung nach etwas für den Preis geboten bekommen! Für die schöne Kartonbox bezahlst du vielleicht 5 Franken mehr als für die normale CD und hast ein Sammlerstück. Darin enthalten die "Brass aber herzlich"-Scheibe, auf der alle Lieder neu eingespielt und arrangiert sind, nicht einfach geremixt. CD 2 ist die Original-CD und dazu kommt noch ein 35-minütiger Film. Heute gilt es einfach, kreativ zu sein, sich etwas einfallen lassen, dazu benötigt es allerdings einen gewissen Geschäftssinn.

hitparade.ch: Du siehst die Downloads also eher als Herausforderung und beklagst dich nicht einfach tatenlos darüber.
Bligg: Genau, alles andere nützt mir ja nichts! Gerade bei einem Schweizer Künstler kann der Download-Aspekt entscheidend über sein Bestehen sein - das müssen sich die Leute bewusst sein. Sie müssen begreifen, dass der illegale Download mit dem Stehlen einer CD im Laden gleichzusetzen ist. Nur weil die Musik digital verfügbar ist, heisst das nicht, dass die Lieder dann nicht geklaut sind! Was für dich ein einfaches MP3-File ist, war für Andere harte Arbeit.

hitparade.ch: Die "Brass aber herzlich"-CD erscheint am 11.11.11 - nicht nur eine Schnapszahl, sondern auch noch Fasnachtsbeginn. Hast du dieses Datum gewählt, oder kam diese Idee eher von deinem Management?
Bligg: In meinem ganzen Schaffen gibt es keine Entscheidung, die meine Plattenfirma oder mein Management alleine fällt. Für das super Datum entschied ich mich bewusst, wie wenn Jemand ein solches Datum für eine Hochzeit auswählt. Ein unvergessliches Datum für einen vergesslichen Mann wie mich.

hitparade.ch: Du hast den "Brass aber herzlich"-Film angesprochen. Dabei handelt es sich also nicht einfach um einen Konzert-Mitschnitt?
Bligg: Der Film beginnt in New York, wo die ersten Songs zu "Bart aber herzlich" entstanden sind, geht weiter mit der gleichnamigen Tour und endet mit dem Trip nach Amerika, wo die Youngblood Brass Band ins Spiel kommt.

hitparade.ch: Im Trailer zum Film erzählst du, wie dich Blasinstrumente schon immer fasziniert haben. Spielst du selbst auch eines?
Bligg: Nein. Ich habe mich darin versucht, aber dazu braucht es schon sehr trainierte Lippen und ist nicht einfach. Da bleibe ich lieber bei meiner Gitarre. Die beherrsche ich gut genug, um damit Songs zu schreiben und zu spielen. Ich bin und bleibe in erster Linie jedoch ein Rapper.

hitparade.ch: Das CD-Cover mit dem Sousaphon ist demnach eher aus optischen Gründen entstanden?
Bligg: Genau, das soll einfach sinnbildlich für die CD "Brass aber herzlich" sein.

hitparade.ch: Stichwort Brass Band: Warum die Youngblood Brass Band (YBBB) aus den Staaten und nicht eine Schweizer Brass Band?
Bligg: Weil in der Schweiz Brass Bands sehr rar gesät sind und mir ausserdem wichtig war, mit einer Band zu arbeiten, die ein Verständnis für Hip-Hop mitbringt. Die YBBB ist auch in Liedern von diversen bekannten Rappern, wie zum Beispiel Mos Def, zu hören. Anfangs standen wir mit drei verschiedenen Bands aus den USA im Gespräch, entschieden uns dann aber für meinen Wunschkandidaten.

hitparade.ch: Diese YBBB, wie bekannt ist die eigentlich in den USA?
Bligg: Sie können auf eine internationale Fanbase zählen. Die Brass Band tritt oft in Europa auf, auch schon mehrmals in der Schweiz. Was Bands ihresgleichen angeht, sind sie - und das kann ich mit gutem Gewissen sagen - eine der besten der Welt. Trotzdem kommen sie eher aus der Underground-Ecke und sind nicht im Mainstream angesiedelt.

hitparade.ch: Wenn ich auf Reisen gehe, beschleicht mich oft das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Gibt es dieses Gefühl nach den abgeschlossenen Aufnahmen, zurück auf dem Heimweg, auch? Sitzt du dann im Flieger und denkst: "Oh, jetzt habe ich etwas vergessen aufzunehmen!"
Bligg: Das ist eine berechtigte Frage. Während zwei Wochen und je 14 Stunden pro Tag beschäftigten wir uns nur mit den Musikaufnahmen der YBBB. Dabei spielten wir lieber zuviel ein, als zu wenig. Dadurch konnte ich beruhigt nach Hause fliegen. Das ist vielleicht, wie wenn du in den Urlaub vier prallgefüllte Koffer mitnimmst. Das ist vielleicht umständlich - aber du weisst, du hast nichts vergessen!

hitparade.ch: Wie müssen wir uns deine Arbeit vorstellen, während diesen zwei Wochen Brass-Aufnahmen? Stehst du daneben und gibst überall deine Kommentare dazu?
Bligg: Genau, ich sage, was mir gefällt und was weniger. Für mich waren diese 14 Tage natürlich die lockerste Studiozeit bisher überhaupt. Erst zurück in Zürich bei den Lyrics-Aufnahmen kam der strengste Teil meiner Arbeit.

hitparade.ch: Gab es Momente, in denen du dir mit der YBBB nicht einig warst?
Bligg: Erstaunlicherweise kein einziges Mal! Ein, zwei Mal passten mir die Melodien nicht, die Youngbloods zeigten sich dann aber jeweils immer sehr kompromissbereit.

hitparade.ch: Von deinen CDs gibt es Volksmusik-Versionen, eine "Nackt"-Ausgabe und jetzt die Brass-Interpretation. Was gibt es als Nächstes?
Bligg: Falls du damit auf ein nächstes Projekt anspielst - ich weiss es noch nicht!

hitparade.ch: Geplant ist zuerst eine gemeinsame Tour mit der Youngblood Brass Band. Was dürfen deine Fans erwarten?
Bligg: Die Tickets für die Tour anfangs 2012 sind bereits im Vorverkauf erhältlich. In der letzten Zeit waren wir jedoch zu sehr mit den Aufnahmen und der Promotion beschäftigt, wir konnten die Show noch nicht auf die Beine stellen. Definitiv ist erst, dass die ganze 9-köpfige Youngblood Brass Band eingeflogen wird. Zudem entschieden wir uns für eher kleinere Locations wie zum Beispiel das Bierhübeli. Ich erhoffe mir damit, den Charme der Brass-Musik besser zu verdeutlichen.

hitparade.ch: Wenn die Jungs die Schweiz schon kennen, musst du ihnen dann wohl nicht mehr gross viel zeigen?
Bligg: Ich habe ihnen ganz gross versprochen, dass die Schweizer Frauen die schönsten seien. Da stehe ich jetzt natürlich schon ein wenig unter Druck…

hitparade.ch: In der Schweizer Politik gab es eine Zeit lang den Trend, sich von seinem Schnurrbart zu trennen. Wurden die Politiker nach der Bedeutung dieser Gesichtsbehaarung gefragt, erklärten sie, sich hinter dem Schnauzer verstecken zu können. Wie sieht das bei deinem Bart aus?
Bligg: Meinen Bart rasierte ich dieses Jahr zwei Mal ab. Einmal für meinen guten Kollegen Stress, weil ich in seinem Lied "Au poste", und im Videoclip dazu, die Rolle des Polizisten Glättli übernommen habe. Und einmal für den Auftritt bei "SF bi de Lüt", wo ich erneut Glättli mimte. Witzigerweise kann ich ohne Bart unerkannt durch die Stadt schlendern - wenn ich also in Zukunft das Bedürfnis nach Anonymität verspüre, werde ich wieder zum Rasierer greifen.

hitparade.ch: Rein psychologisch fehlte dir aber nichts zu dieser Zeit, in der du ohne Gesichtsbehaarung unterwegs warst?
Bligg: Neeeein (zwirbelt seinen Bart)

hitparade.ch: Dann könntest du jetzt aber zum Beispiel nicht deinen Bart zwirbeln.
Bligg: Das mache ich eher, weil die Haare inzwischen eine Länge erreicht haben, die mich selbst erstaunt. "Bart aber herzlich", der Albumtitel, kommt ursprünglich davon, dass ich schon immer mindestens einen Dreitagebart trug, ausserdem bin ich eine sehr herzliche und soziale Person.

hitparade.ch: Eine letzte Frage. Als Rapper beschäftigst du dich generell intensiver mit Songtexten als manche andere Popmusiker, die sich oft Lieder schreiben lassen. Hörst du heute deine Songs und denkst manchmal: "Was hab ich dort bloss geschrieben?"
Bligg: Wenn du mit 15 oder 16 Jahren deine ersten Lyrics schreibst, bist du noch sehr jung, du hast weniger Lebenserfahrung. Dieses Gefühl kenne ich nicht nur von meinen älteren Songtexten, sondern beispielsweise auch von Videoclips. Natürlich würde ich gewisse Dinge heute anders machen, trotzdem bin ich damit das geworden, was ich heute bin!

hitparade.ch: Denkst du, in 15 Jahren, wenn du wieder zurück schaust, werden dir deine Aktivitäten aus 2011 ebenfalls unangenehm erscheinen?
Bligg: Vielleicht. Aber dabei gilt es immer die damals aktuellen Modeerscheinungen zu beachten. Wenn du ein Klassenfoto von früher anschaust, fragst du dich auch, was du dort getragen hast. Aber das war halt einfach so. Ausserdem glaube ich, ein guter Song bleibt ein guter Song - das ändert sich auch über die Jahre hinweg nicht.
Interviewed by: Nicolas Kesper, Yvonne Zgraggen
Redaktion: Yvonne Zgraggen


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