INTERVIEW MIT LAUREN TALBOT UND NOVA INTERNATIONAL

Der Eine oder Andere mag sich vielleicht an die Auftritte von Lauren Talbot in DSDS erinnern. Sie hat aber schnell gemerkt, was sie wirklich will, und das ist, eigene Musik zu schreiben und selber zu bestimmen. Im Frühling kommt die neue CD der sympathischen Sängerin in den Handel. Momentan ist sie mit "Nova International" unterwegs und mit dem aktuellen Song "Me Myself And My Piano" in der Schweiz ständig im Radio zu hören. hitparade.ch hat die junge Sängerin und die zwei Jungs von "Nova International" zum Interview getroffen. Lässig haben sie spontan im Café einen Song performt.

hitparade.ch: Lauren, du bist nicht ganz unbekannt, du hast 2007 bei DSDS mitgemacht, und "Nova International" kennt man als Musikliebhaber auch. Fangen wir von vorne an: Wie habt ihr euch kennengelernt?
Lauren Talbot: Also, die Beiden von "Nova International" kennen sich ja schon seit Ewigkeiten. Ich bin vor 3 Jahren nach Berlin gezogen, vor zwei Jahren hatte ich eine Probe mit meiner früheren Band, und der Proberaum war auf dem gleichen Gelände wie ihr Studio, wo wir uns dann auf dem Hof begegnet sind, grinsend irgendwie… sie haben mich erkannt aus DSDS. Dann wurde ich von ihnen angefragt, ob wir zusammen Musik machen wollen, und ich fand das eine gute Idee, es hat einfach total gepasst!

hitparade.ch: Hast du denn die Band auch erkannt oder war sie für dich neu?
Lauren Talbot: *scheu* Nein… aber wie gesagt, wir haben von Anfang an gut harmoniert.

hitparade.ch: Wie sahen die Anfänge aus?
Lauren Talbot: Wir haben ein bisschen herumprobiert. Wir haben versucht, von 0 auf 100 Songs zu schreiben, aber die Beiden haben schnell festgestellt, dass es nicht ganz klappt. Sie sagten mir, ich solle zuerst zuhause mal ein paar Songs schreiben. Das habe ich dann auch gemacht und ein paar Ideen mitgebracht. "Me Myself And My Piano" ist ja "Nova International featuring… ", da bin ich als kleiner Beitrag…

hitparade.ch: Kleiner Beitrag? Du singst ja das Ganze!
Kris Steininger: *Lacht*
Lauren Talbot: Ja, gesungen und getextet schon… Also, ich habe schlussendlich mit den Beiden meine Soloplatte geschrieben, und dabei sind 20 Songs herausgekommen.

hitparade.ch: Die erste Single "Me Myself And My Piano" ist hier in der Schweiz sehr bekannt, nur schon wegen der Coop-Werbung. Der Song "Drive Drive Drive" war zuvor auch ein guter Coop-Hit. Wie seid ihr dazu gekommen?
Kris Steininger: Genauer gesagt machen wir seit 6 Jahren fast alles für Coop, die ganzen TV Spots und die Musik. Das war auch ein totaler Zufall, da wir viele Regisseure in unserem Freundeskreis haben und einer hat eben die Anfrage bekommen für ein neues Image. Die haben dann die Spots gedreht und sie uns gezeigt. Dann haben sie gefragt, ob wir nicht Songs hätten, die passen. Wir schreiben viel, ohne dass wir es gleich veröffentlichen, wir sind mehr die Studiotypen. Und schlussendlich haben wir dann immer wieder einen Song gefunden, der die Geschichte ganz gut erzählt hat. Es ging los, und das Interesse am Song wurde immer grösser, es kamen auch Nachfragen aus der Schweiz, ob man die kaufen kann, jedoch waren wir an diesem Zeitpunkt noch gar nicht soweit, da noch nicht alles fertig war. Und schlussendlich, als es dann soweit war, sind wir auf den Song "Drive Drive Drive" gekommen.

hitparade.ch: Ihr macht alles komplett selber…
Kris Steininger: Ja klar! Wir sind auch sehr dankbar, dass es diese Coop- Geschichte gibt, denn heutzutage gibt es nichts Schnelleres als so deine Musik zu veröffentlichen und den Leuten zu präsentieren. Auch, was das Promoten angeht, ist das eine super Sache, denn bei den Plattenfirmen wird immer mit denselben Klischees gearbeitet, und mit diesem Klischee versuchen sie noch mehr Platten zu verkaufen, das sehen wir bei Lady GaGa und Rihanna. Bei den Indie-Alternative Bands sieht das alles kleiner aus, die Plattenlabels sind kleiner und das ist einfach heutzutage wahnsinnig schwer und viele Labels sind beinahe tot.
Michael Kamm: Coop verkauft ja eigentlich keine CDs, sie sind ja kein Musikgeschäft, aber als sie gemerkt haben, was da für ein Match passiert mit den Spots und den Songs, dass es für die plötzlich auch eine Qualität war. Und nur das war ausschlaggebend, ob man das verkaufen soll, denn Coop ist ja kein Plattenladen. Das heisst, sie wollen eigentlich nur diese Qualität fördern und es auch in der Schweiz verteilen.

hitparade.ch: Ich weiss noch, dass ich den Song "Me Myself And My Piano" im Radio gehört habe, und zwar nur so 30 Sekunden, ständig wollte ich wissen, wie es weiter geht und wer es singt, doch es gab keine Informationen. Nun ist er komplett fertig und es ist ein grosser Airplay Hit in der Schweiz gewordem. Wie ist der Song entstanden?
Kris Steininger: Das ist ja lustig, es gab auch nur diese 30 Sekunden, und das haben wir auch nie an das Radio gesendet, es wurde wirklich nur für den Coop Spot gemacht, aber ist ja umso besser.
Lauren Talbot: Wie der Song entstanden ist, ja das ist lustig. Kris hat die Melodie geträumt und es dann sofort im Handy eingesungen. Dann haben wir uns im Studio getroffen und den Song geschrieben.
Kris Steininger: Es ist verrückt, die von DRS haben uns geschrieben, und es gab noch viele weitere Anfragen. Erst dann haben wir uns gedacht, dass wir den Song veröffentlichen könnten. Wir sind total überrascht, wie derb der überall einschlägt.

hitparade.ch: Kennt man den Song in Deutschland auch?
Kris Steininger: Nein, er ist nicht veröffentlicht. Haben wir auch noch nicht gemacht, weil wir auf Laurens Platte warten und der Song auch in der Auswahl ist.
Lauren Talbot: Ja, weil meine Platte ein eigenes Projekt ist, und dann gibt es noch "Nova International & Friends", auf der Platte sind dann auch die Songs, die man von den Spots kennt. Es sind zwei unterschiedliche CDs, meine Platte geht in eine andere Musikrichtung.
Kris Steininger: Genau, bei "Nova International & Friends" wird man viele, verschiedene Stücke hören mit anderen Sängern, die dann auch wieder bei Coop Verwendung finden. Dadurch kommen auch verschiedene Sänger von deutschen Indiebands in die Schweiz, wie es scheint, mögen es die Leute auch. Was ich auch noch sagen möchte: Ich denke, wenn man ein Album macht, macht es auch Sinn, dass man es auf CD presst. Ich denke, einzelne Songs zu veröffentlichen per Download oder so, das legt ja Keiner mehr in den CD-Player. Heutzutage hören Alle, besonders die Kids, nur noch digital auf ihrem Rechner oder iPod.

hitparade.ch: Was denkt ihr denn über "Spotify", wo man überall gratis per Stream legal Musik hören kann?
Kris Steininger: Ich bin seit zwei Jahren auf Spotify und muss sagen, seitdem habe ich auch nur noch selten eine CD gekauft. Klar, es ist alles sehr kritisch, aber ich denke, es macht gar keinen Sinn mehr heutzutage, das alles zu kritisieren, denn das ist die Entwicklung und Keiner hat reagiert, die Plattenfirmen haben nicht reagiert. Ich habe letztens einen Artikel gelesen, dass Lady GaGa die meiste Klickzahl hatte auf Spotify mit "Paparazzi". Mit irgendwie mehr als einer Million Klicks hat sie dafür 170 Dollar bekommen.

hitparade.ch: Denkt ihr, dass es auch mehr Vorteile gibt, da die Musik schneller verbreitet und bekannt wird als früher?
Lauren Talbot: Der Bekanntheitsgrad wird immer grösser durch diese Plattformen, aber die andere Seite der Medaille ist, du verdienst ja damit nichts.
Kris Steininger: Ja, bei den Konzerten sieht es auch immer schlimmer aus. Wenn man bei einer Plattenfirma einen Vertrag hat, dann bereichern die sich ja auch bei diesen Einnahmen. Das Einkommen wird immer geringer. Mit dem muss man heutzutage rechnen, wenn man Musik macht. Wir hatten halt immer das Glück, dass wir etwas aufbauen konnten und ein Studio haben. Aber die Künstler, die jung sind, die haben es umso schwerer, die können ja nicht ihre Aufnahmen finanzieren. Das ist alles sehr teuer, auch wenn man mit Computer viel selber machen kann, wird man da kein fettes Master generieren können.
Michael Kamm: Das Problem der Leute ist, dass Musik in deren Köpfen keine Wertigkeit hat. Mit diesen Umsonst-Angeboten wird das Ganze auch noch unterstützt. Wie soll man einem Neunjährigen klarmachen, das eine CD 12 Euro kostet, wenn er sie umsonst bekommt? Als wir auf Tour waren, war ein kleines Mädchen bei einer Autogrammstunde mit einer gebrannten CD da.
Kris Steininger: Da kannst du nicht einmal sauer sein, aber das ist traurig, die Wertigkeit ist weg. Es sind zwei Kehrseiten der Medaille. Ich als User sage: "Geil, Spotify, gratis", habe meine Playlisten synchronisiert mit meinem Handy, habe keine Datenmengen. Aber die Frage ist, wie die Musiker zu ihren Einnahmen kommen. Es ist tragisch, es gibt nach wie vor noch kein Modell, auch die Plattenfirmen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, man muss eben schauen, wie sich das alles entwickelt. Auf jeden Fall sind Verbote das Allerletzte, zum Beispiel auf YouTube. Vielleicht hast du das auch schon bemerkt, wenn du ein Video auf YouTube anschauen möchtest und es steht, dass es in deinem Land nicht verfügbar ist. Das wird von der GEMA herausgeblockt, dadurch schaden sie ja auch den Künstlern, die das Video und den Song promoten möchten.

hitparade.ch: Kris und Michael, habt ihr DSDS geschaut?
Kris Steininger: Ja, also, ich wurde Vater und da hängt man ja viel zu Hause herum und notgedrungen schaltet man immer den Fernseher ein, und da sind wir bei DSDS hängengeblieben, was ich sonst auch nicht gucken würde, aber ich fand Lauren unglaublich bezaubernd und andersartig als diese klassischen, gecasteten Superstars. Was ich immer gehofft habe, war, dass sie nicht gewinnt, weil dann ist die Haltbarkeit äusserst kurz. Deswegen war es toll, dass wir uns kennengelernt hatten, das ist ein Traum. Wahnsinns-Stimme und riesiges Talent, und da haben wir uns gedacht, sie muss etwas machen, wie sie wirklich ist und nicht, was andere Leute dir sagen, wie du sein sollst und was du machen sollst.

hitparade.ch: Was denkt ihr allgemein über solche Castingshows? Mittlerweile gibt es ja nur schon im deutschen TV mehr als vier verschiedene Arten.
Kris Steininger: Da ertrinkt man leider. Es ist natürlich ein tolles Forum für Leute, die nicht wissen, wie sie zu einem Bekanntheitsgrad kommen. Dass sie dann die Chance nutzen und hinrennen, ist vollkommen klar, wie sie halt dann ausgeschlachtet werden, das finde ich äusserst dramatisch. Du hast A: keine Freiheit, und B: kein grosses Mitspracherecht.

hitparade.ch: Lauren, wie empfindest du das heute? Hast du damals selber entschieden, da mitzumachen, und würdest du es weiterempfehlen?
Lauren Talbot: Ich war 16 und das war am Anfang eigentlich ein Witz meiner Mutter und mir. Ich habe vorher schon immer mitgesungen, und dann hiess es, dass ich mitmachen soll. Ich wusste schon, dass ich das irgendwann mal beruflich machen möchte, aber zu der Zeit war es schon mehr ein "Wetten, das machst du nicht" und da dachte ich mir, geh' ich einfach mal hin. Dann war ich dabei und bin immer weitergekommen, und mit der Zeit merkte ich: Moment mal, das wird ja langsam ernst! Irgendwann war ich schnell mal in den Top 20 und dann in den Top 10!

hitparade.ch: Der Druck ist schon gross für eine 16-Jährige…
Lauren Talbot: Oh ja, aber es gibt nicht diesen typischen Karrieredruck, sondern in dem Format bist du den ganzen Tag präsent. Du gehst durch die Pressetrommel wie nichts, dagegen ist meine jetzige Promotour noch gemütlich! Der Druck ist mehr der persönliche, da geht es gar nicht um deine Musik, sondern um dich persönlich, und das ist sehr anstrengend, aber schlussendlich hat es auch Spass gemacht. Es hat alles seine Vor- und Nachteile.

hitparade.ch: Wie ging es weiter?
Lauren Talbot: Ich bin 'rausgeflogen, war auch sehr froh darüber, da ich in dieser Zeit schon wusste, wenn man gewinnt, dann bist du genau bei dieser Plattenfirma und machst genau diese Musik und hast kein Mitspracherecht. Es kamen dann Plattenvertragsangebote, ich hatte aber instinktiv keine Lust und sagte: "Ich möchte lieber selbst schreiben". Denn du hast überhaupt keine Wahl, sie schreiben dir vor, was zu dir passt und du sagst dann "ok".

hitparade.ch: Rechnen die Leute nicht auch damit, wenn man bei solchen Castingshows mitmacht? Meistens hört man ein halbes Jahr von den Gewinnern und dann sind sie weg.
Lauren Talbot: Ja, schon, aber die meisten können nichts dafür, das liegt ja nicht an den Kandidaten, sondern am gesamten Umfeld. Das ist eine Maschinerie, die Einen da hineinträgt. Genau das wollte ich nicht, denn dann hast du eine Karriere, die geht von 0 auf 100, aber genau gleich fällst du auch wieder zurück. Damit man in den Spiegel schauen kann, bin ich der Meinung, dass man es lieber selbst machen sollte.

hitparade.ch: Hast du vorher auch schon Musik gemacht und spielst du ein Instrument?
Lauren Talbot: Ich habe mir ein bisschen Klavier spielen beigebracht, um die Songs zu schreiben und ich versuche Schlagzeug zu lernen *lacht*. Aber zu der Zeit habe ich nur gesungen.

hitparade.ch: Lauren, dein eigenes Album kommt im Frühling heraus, wie wird der Stil des Albums sein, und was hat dich beeinflusst?
Lauren Talbot: Ich tue mich selbst immer ein bisschen schwer, das alles in eine Kategorie zu bringen. Einer, der es bisher gehört hat, hat gesagt, ich klinge wie eine Tochter einer verstorbenen Filmdiva, die total in James Blake verliebt ist. Ein Anderer sagt, ein bisschen Lily Allen, Peaches, ein bisschen The Streets. Auf jeden Fall wird alles in Englisch sein, da ich auch Engländerin bin. Im Grossen und Ganzen würde ich sagen: Es geht um viel Gefühl und viel Humor. Natürlich ist auch alles selbst getextet und selbst erlebt.

hitparade.ch: Wieviel Zeit hast du benötigt, um die Songs zu schreiben?
Lauren Talbot: Also, wir kennen uns nun seit zwei Jahren, haben aber nicht durchgängig gearbeitet, es kamen immer wieder neue Projekte dazu, damit man ja auch überleben kann. Insgesamt etwa zweieinhalb Jahre.
Kris Steininger: Es ist auch eine Sache der Findung. Als "Wer bin ich" dauert es natürlich länger, als wenn man schon weiss, wo man ist und was man für Ideen hat. Deswegen hat es auch eine Weile gedauert, aber das darf es auch.

hitparade.ch: Die Schweiz ist sehr klein und für unsere Musiker ist es, auch wenn sie Erfolg haben, sehr schwierig, von Musik alleine zu leben. Wie sieht es bei euch aus? Könnt ihr das bereits oder ist das eines eurer Ziele?
Kris Steininger: Ja!
Lauren Talbot: Also ich habe Nebenjobs, aber ich bin auch noch nicht so weit wie die Zwei.
Michael Kamm: Wir machen halt auch viel Filmmusik und insofern geht es auch gut so.

hitparade.ch: Ihr seid halt auch schon sehr lange in Business sozusagen…
Kris Steininger: Ja, und wenn man für andere Leute schreibt… es gibt ja viele mögliche Modelle, wo man Musik braucht. Ohne das wäre es sehr schwer, etwa 4% aller Musiker können davon leben.

hitparade.ch: Wird es eine Tour geben?
Kris Steininger: Zuerst muss die Platte fertig sein, und dann haben wir eine Tour geplant ja.

hitparade.ch: Dann kommen wir noch zu der offiziellen Schweizer Hitparade, was haltet ihr von den Top 10?

Coldplay - Paradise
Kris Steininger: Traumhafte Songs haben sie geschrieben, mittlerweile sind sie eine Stadionband. Sind eigentlich echt gut, Brian Eno hat ihnen noch ein bisschen geholfen, aber tendenziell sind sie vollkommen over für mich.

LMFAO - Sexy And I Know It
Lauren Talbot: Finde ich total cool, finde die sauwitzig.

Lana Del Rey - Video Games
Kris Steininger: Die Rettung der Popindustrie! Genialer Song.
Lauren Talbot: Sollte auf Platz 1 sein!

Adele - Someone Like You
Lauren Talbot: Auch die grosse Rettung heutzutage.
Kris Steininger: Ja, das ist auch Musik, die berührt.

Taio Cruz feat. Flo Rida - Hangover
Lauren Talbot: Furchtbar. Warum ist das Platz 1?! Ganz klar eine Fehlinterpretation! Es ist Zeit für neue Musik in den Charts, Zeit für Umschwung, so dass endlich mal etwas Anderes vorgesetzt wird.

Interviewed by: Sonja Eberhard
Redaktion: Sonja Eberhard, Steffen Hung


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Zum Song "Me Myself And My Piano"

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