INTERVIEW MIT SINA



Sina - Tiger & Reh
1. Tiger & Reh
2. Wünschti Du weesch hiä
3. Wartu uf ds Glick
4. Ja
5. Bluämun
6. I gseh was i gseh
7. D'Mama weiss vo nix
8. Där Himmel ob miär
9. Nimm miini Hand
10. Komet
11. Unsichtbar
12. Ha gitröimt vom Meer
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Mit "Tiger & Reh" bringt die Walliser Sängerin ihr elftes Album heraus. Wir haben Sina zum Interview getroffen.

"Tiger & Reh" ist Dein elftes Album. Wie schaffst Du es, immer wieder neue Facetten hineinzubringen und Dir dennoch treu zu bleiben?
Im Laufe der Zeit und durch die eigene Veränderung nehmen auch die Geschichten eine andere Wendung. Das hilft, sich selbst nicht zu reproduzieren. Oft muss man nicht nach Neuem suchen, es ergeben sich automatisch andere Themen, wenn man neue Erfahrungen macht. Ich wollte immer ein Konzept-Album machen mit einem einzigen musikalischen Thema. Geschafft habe ich das bis jetzt nicht. Diese Unaufgeräumtheit ist offenbar ein Teil von mir. Meine Stimme und der Dialekt sind das einzige Konstante. Die Geschichten haben mit der Zeit einen grösseren Stellenwert bekommen und die Fertigstellung eines Textes fordert mich je länger je mehr. Ich glaube, das hängt mit dem Anspruch zusammen, es besser zu machen als beim letzten Mal. Dieser Hang zum Perfektionismus kann auch eine ziemliche Bremse sein.

Du hast ein grosses Team im Hintergrund…
Man vergisst oft, dass hinter einem Künstler eine ganze Traube von Leuten stehen, die emsig am Arbeiten sind, damit ein Projekt erfolgreich wird. Ich bin eine absolute Teamplayerin. Bei den Texten hat dieses Mal Christoph Trummer mitgeschrieben. Ein wunderbar poetischer Geschichtenerzähler, den ich wirklich sehr schätze. Und auch Sprachakrobat Ralf Schlatter war mit im Boot. Und meine alte Freundin Sybille Berg, eine Schriftstellerin; sie hat mir mit dem einen oder andern Bild, das fehlte, die Türe zum fertigen Text aufgestossen. Musikalisch gab's auch spannende Zusammenarbeiten. Eliana Burki ist mit dem Alphorn vertreten, Jean-Pierre von Dach hat ein unglaubliches Gitarrensolo eingespielt, Roberto Petroli eine umwerfende Klarinette. Und zum ersten Mal haben wir als Dreier-Produzenten-Team gearbeitet: Adrian Stern war mit von der Partie. Und natürlich mein alter Freund Thomas Fessler.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit Adrian?
Ich kenne Adrian seit zehn Jahren. 2004 kam er als Gitarrist und Chorsänger in meine Band, als mein damaliger Gitarrist krankheitshalber ausfiel. Da sprang Adi ein und begleitete mich eine Tour lang. Ich lernte ihn als Handwerker kennen, der schon damals vor Ideen gesprudelt hat. Er brachte schnell Arrangement-Vorschläge ein und war als wandelnde Juxebox die perfekte Quelle für Cover-Ideen. Später machten wir gemeinsame Projekte, beispielsweise war er Teil meiner "Duette"-Tour. Es war Thomas Fessler, mein Produzent, mit dem ich seit 20 Jahren arbeite, der für dieses Album ein Dreierpaket mit Stern vorschlug, da meine neuen Songs eine Spur folkiger klingen und ein paar Country-Elemente haben. Und ich dachte nur: Ja, logisch! Wieso bin ich da nicht selbst daraufgekommen? So konnte Adi seine Fähigkeiten als Arrangeur unter Beweis stellen und hat teilweise auch sehr stark in die Songs eingegriffen. Zum Beispiel klang "Himmel ob miär" vorher total anders. Eine oder zwei Wochen vor den Studio-Aufnahmen fingen wir nochmals ganz bei Null an. Es ist herrlich, wie ideenreich und kreativ der Mann ist! Egal was passiert, er wird mit und in der Musik sich selber treu und damit erfolgreich bleiben, in welcher Funktion auch immer. Davon bin ich absolut überzeugt.

Wann bist Du ein Tiger, wann ein Reh?
Ich denke, jeder von uns hat beide Seiten in sich. Manchmal bist Du der Gejagte, manchmal der, der jagt. Oft hat man das Gefühl, man sei der Tiger und merkt plötzlich, dass man leider das Reh ist (lacht). Mich haben diese gegensätzlichen Seiten interessiert. Der Album-Titel ist deshalb eine Metapher von verschiedene Menschentypen. Und mir geht es ja auch so. Manchmal bin ich die, die vorprescht, sich auf die Hinterbeine stellt, und dann die, die das Feld räumt und sich einen ruhigen Ort sucht. Zum Beispiel dann, wenn mir der Rummel zu gross wird und ich mich aus der Öffentlichkeit zurückziehen will.

Sind Deine Song-Texte alle autobiografisch?
Es gibt einen Song auf dem Album, der heisst: "I gseh was i gseh". Jeder hat seine eigene Wahrheit und sieht nur einen Teil des Ganzen. Das zählt für jeden einzelnen Song. Ich kann die Dinge nur so erfassen und beschreiben, wie ich sie selber sehe. Natürlich mische ich mit Fiktion und Fantasie und beobachte, was in meinem Umfeld passiert. Aus diesen Beobachtungen reifen schliesslich die Geschichten und es wird im besten Fall ein Song daraus. Schön, wenn die Aussage dann ankommt. Gerade bei "Wartu ufs Glick" haben sich drei Freundinnen bei mir gemeldet, weil sie dachten, der Song handle von ihnen. Das war aber nicht so (lacht).

Der Song "Himmel ob miär" sticht heraus. Er klingt nachdenklich und melancholisch. Was bedeutet Dir dieses Lied?
Ich unterstütze als Botschafterin verschiedene karitative Projekte. Da wird man schon sehr sensibilisiert für das Glück, in einem Rechtsstaat zu leben, ohne Angst, verschleppt und gefoltert zu werden und sein Leben für ein Stück Brot aufs Spiel setzen zu müssen. Heute sind über 50 Mio. Menschen auf der Flucht, verlieren ihre Heimat und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben. Da frage ich mich: Was wäre, wenn ich in dieser Situation wäre? Was wäre, wenn ich am anderen Ende des Tisches sitzen würde? Ein paar 100 Kilometer weit weg in einem völlig anderen Leben? Wie würde ich kämpfen? Würde ich aufgeben? Würde mir jemand helfen? Es ist ein aktuelles Thema und es ist ein Teil unserer heutigen Welt. Ich habe versucht, mir einen solchen Rollenwechsel vorzustellen und ihn in Worte zu fassen. Eine schwierige Aufgabe, denn die Bilder, die wir hier über die Medien geliefert bekommen, verlieren mit der Zeit ihren Schrecken; alles schon gesehen, schlimm, ja, aber weit weg. Das ist das Thema bei "Himmel ob miär".

Und da gibt es noch "Die Bluämun". Auch ein Song, der auffällt. Der Text ist sehr aussergewöhnlich.
Das ist der Lötschentaler-Text. Mich verbindet sehr viel mit diesem Tal. Meine Mutter servierte dort und lernte meinen Vater kennen, einen Postauto-Chauffeur. Ich bin in diesem Tal geboren. Bei Bluämun geht es um Inschriften in alten Walliser Holzhäusern. Der grösste Teil des Textes besteht aus Hausinschriften zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert. Einer meiner Verwandten, Ignaz Bellwald, ist Lokal-Historiker im Lötschental. Er hat mir seine herrliche Bibliothek zur Verfügung gestellt. Da habe ich sehr Vieles gefunden. Die Texte haben viel Poetisches und oft auch etwas Mystisches. Besonders in Verbindung mit der Musik. Es hat ein paar Ausdrücke aus dem Althochdeutschen, die zu der Zeit noch üblich waren. Vielleicht ist es nicht ganz einfach zu verstehen. Die Lötschentaler haben nicht die ganze Sprachentwicklung mitgemacht - das macht diesen unvergleichlichen Dialekt aus.

Viele Leute hören nicht so sehr auf die Texte und wippen bloss zur Musik. Bei Dir hat der Text durch das Schweizerdeutsch - und insbesondere durch das Walliserdeutsch - viel mehr Präsenz. Wie erlebst Du das?
Die Leute, die an ein Konzert kommen, setzen sich auch damit auseinander. Wenn die Leute zuhause beim Radiohören einfach nur gutgelaunt den Refrain mitträllern, ist das für mich genauso okay. Die Geschichten geben der Musik den Rest - sind der eine wichtige Teil vom Ganzen. Manchmal kommt es vor, dass die Leute mich auf die Texte ansprechen oder kleine Details erkennen. Das freut mich natürlich besonders! Es sind verschiedene Ebenen, die Dir beim beiläufigen Zuhören verborgen bleiben. Dennoch: Es muss nicht Jeder die ganze Ebene erfassen.

Du hast "Duette" angesprochen. Du hast ja schon mit einigen Schweizer Musikern zusammengearbeitet. Wer hat Dich besonders berührt, am meisten inspiriert?
Das persönlichste Instrument ist die Stimme. Und zusammen singen ist dementsprechend berührend. Wenn Du dann auch noch mit Leuten zusammen singst, die Du besonders magst, bekommt das alles noch eine zusätzliche Intensität. Zu diesen Menschen gehört sicher Büne Huber, der Sänger von Patent Ochsner. Büne trägt sein Herz auf der Zunge, er ist ein intensiver Mensch. Regelmässig, wenn wir unseren Song "Ich schwöru" live zusammen gesungen haben, habe ich meine Tränen an seinem Hemd abgewischt und ihn hat's geschüttelt. Selten hat mich eine Zusammenarbeit so berührt wie mit ihm. Das hat mit seiner Art zu tun. Sicher auch mit seiner Stimme. Und natürlich, weil ich ihn einfach sehr gern habe. Auch andere Kollaborationen habe ich in guter Erinnerung. Zum Beispiel die mit Stephanie Heinzmann. Sie ist über 20 Jahre jünger als ich, wir sind zwei Walliserinnen, die völlig verschiedene Wege hinter sich haben, dann aber zusammentreffen und musikalisch etwas Gemeinsames machen. Auch Steff La Cheffe gab einem meiner Songs eine schöne, neue Ebene. Was alle gemeinsam haben, ist die Leidenschaft und Liebe zur Musik. Egal ob erfolgreich oder nicht. Und beim Erfolg hat das Glück seine Finger im Spiel.

Was denkst Du über die neue Schweizer Musik-Generation?
Absolut professionell. Wenn man bedenkt, wie alles vor fünfzig Jahren mit Polo Hofer angefangen hat: Damals gab es nichts! Keine Organisation, keine Vorbilder im eigenen Land. Man musste sich alles selber aufbauen. "Was arbeitest Du denn noch?", hiess es regelmässig, wenn man sagte, man sei Musiker. Das höre ich allerdings heute noch. Die Schweiz ist ein kleiner Markt und es ist verständlich, dass die neue Generation versucht, einen Schritt nach vorne zu machen. Das ist gut und wichtig. Langfristig kann man mit internationaler Ausrichtung eher überleben. In der Schweiz gibt es eine Handvoll Künstler, die gut von der Musik leben können. Grundsätzlich ist es aber schwieriger geworden in Zeiten von Spotify und den illegalen Download-Portalen. 2014 ist der Musikmarkt um weitere 10% eingebrochen, eine Goldene Schallplatte gibt's für 10'000 verkaufte Einheiten, vor 15 Jahren waren es noch 25'000 Stück. Was mir gefällt, beispielsweise bei Pegasus, Nickless oder 77 Bombay Street: Die denken über die Schweizer Grenzen hinaus. Dieses Selbstbewusstsein braucht es heute bei der riesigen, internationalen Konkurrenz. Dann kann es mit der Karriere klappen, auch ausserhalb der Schweiz.

Welche CD läuft zurzeit in Deinem Auto?
Puh, der Bär (lacht). Harry Rowohlt ist einer der grossartigsten Sprecher, die ich kenne. Er spricht ja alle Tiere und alle Charaktere selber. Das macht mir sehr gute Laune, wenn ich das höre. Es sind herzerwärmende Geschichten. Eigentlich wollte ich die CD an meine Nichte verschenken, aber sie muss sich wohl noch etwas gedulden…(lacht).

Interviewed by: Bettina Siegwart
Redaktion: Bettina Siegwart


Linktipps:
Das Album "Tiger & Reh" anhören und downloaden
Künstlerportal von Sina
Zum Musikvideo "Wartu uf ds Glück"

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