INTERVIEW MIT BÜNE HUBER



Patent Ochsner - Finitolavoro - The Rimini Flashdown Part III
1. Prolog
2. Patent Ochsner / Manillio - Sunny Side Up
3. Galgenfeld
4. Grill
5. Nachlass
6. Eine vo dene
7. Callboy
8. Da für Di
9. Schmierfett
10. Tagesizeut
11. Bieris
12. Roubtier
13. Herr Flühmann
14. Ausklaar
15. Epilog
16. Finitolavoro
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Nach "The Rimini Flashdown" und "Johnny - The Rimini Flashdown Part II" findet die Trilogie von Patent Ochsner mit "Finitolavoro - The Rimini Flashdown Part III" nun seinen Abschluss. Im Interview gibt uns Büne Huber einen Einblick in die Seele seines neuen Werks.

Der Prolog führt den Hörer ins neue Album ein. Er ist mit dem musikalischen Thema von Johnny untermalt. Hat sich Johnny jetzt aufgerafft?
Ja, das hat er bereits beim zweiten Teil gemacht. Da hat man schon gemerkt, dass eine Bewegung stattfindet. Jedoch war die Stimmung noch gebrochen. Und jetzt ist es wirklich so. Der zentrale Satz im Prolog ist: "Du stehst auf der Sonnenseite der Strasse. Die Sonne scheint Dir ins Gesicht. Und Du gehst weiter." Das ist der Neuanfang. Seine Geschichte nimmt er mit. Man kann ja nicht so tun als hätte man den Treffer nicht kassiert.

Am Ende, im Epilog, kommst Du an. Wo?
Mein Bild im Studio war, dass ich auf der Autobahn bin, eine Ausfahrt nehme und am Ende des Albums in eine Landschaft hinausfahre. Es herrscht Nachtstimmung. Und man muss aushalten, dass man nicht weiss, wo die Reise hingeht. Die ersten Songs für diese Rimini-Trilogie entstanden 2005. Dies ist der Abschluss einer zehnjährigen Arbeit. Und ich habe mich oft gefragt, was wohl danach passieren wird. Mir gefällt dieses Bild: Von der Autobahn herunterzufahren, das Auto abzustellen, den Sternenhimmel anzuschauen und die Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Der Wolf heult nochmals…

Der Epilog besteht aus verschiedenen Elementen der Trilogie.
Bassist Wolfgang Zwiauer hat im Epilog das musikalische Thema des Songs "Nachlass" nochmals frei interpretiert. Und ich habe alle Sounds und Geräusche aus den drei Alben dafür verwendet. Einige davon sind leicht zu erkennen. Andere hingegen habe ich geschnitten und umgedreht. Man hört auch die Grille, die auf jedem Album vertreten ist. So ist eine Klang-Collage enstanden. Ich sammle Geräusche. Das liebe ich einfach. Eine solche Sammlung ist wie ein Tagebuch.

Vor zehn Jahren sind die ersten Songs für die Trilogie entstanden. Sind auf "Finitolavoro - The Rimini Flashdown Part III" ebenfalls Songs dabei, die ganz früh entstanden sind, oder sind die alle nach "Johnny - The Rimini Flashdown Part II" gekommen?
Es gab 2005/2006 eine intensive Schaffensphase, in der ich einen wahnsinnigen Output hatte. Das ist die Quelle, die alle drei Alben genährt hat. Natürlich brauchte es dann auch noch ergänzende Songs, die den vorhandenen entgegenstehen. Gewisse Songs haben sich stark verändert während der vergangenen Jahre. Der Song "Callboy" war bei allen drei Alben im Rennen und jetzt ist er endlich da, wo er sein soll. Jetzt hat er seine Form gefunden. Wir konnten diesen Song einfach nicht bändigen, der hat mich jahrelang richtig genervt. Beim Album "Johnny - The Rimini Flashdown Part II" war er fest eingeplant gewesen. Bis vier Tage vor Schluss. Ich konnte mich kaum entscheiden. Er faszinierte und nervte mich zur selben Zeit. Ich spürte, dass es der Text ist, mit dem ich unzufrieden war. Jeden Tag habe ich mich dann wieder umentschieden, bis ich am Ende merkte, dass es offenbar einfach noch nicht passt.

"Roubtier" gabs ja auch schon länger.
Auch der war erst im Rennen und ist dann wieder herausgeflogen. Und auch "Tagesizeut". Da gibt's viele solcher Geschichten.

Diesen Kampf hattest Du bei "Finitolavoro - The Rimini Flashdown Part III" nicht mehr?
Nein, absolut nicht. "Callboy" war zwar ein schwieriger Brocken, bis er die Form hatte, die er jetzt hat. Sobald aber alles stimmte, war auch klar, dass er aufs Album gehört. Aber er war definitiv der widerborstigste Song in den ganzen zehn Jahren (lacht).

Ja, Du magst den "Callboy" ja auch nicht so.
Stimmt (lacht). Im Kern geht es in der Geschichte um Verrat. Ehrlich gesagt musste ich mir dieses Thema von der Seele schreiben. Es hat mich so lange beschäftigt, ich wollte das endlich abschliessen. Es ist kein Thema, das ich besonders toll finde. Und ich funktioniere als Typ auch nicht so, ich bin nicht nachtragend. Ich bin offen. Wir bauen alle einmal Scheisse. Dann fangen wir halt wieder an. Diese unversöhnliche Position steht mir nicht und die mag ich auch nicht. Aber ich musste mich mit dem Thema beschäftigen. Da mir das nicht leichtfällt, war es ein grosses Gemurkse mit dem "Callboy".

Ist der Callboy der gleiche Typ wie der Gigu aus dem Album "Honigmelonemond"?
Nein nein (lacht)!

Man sagt ja, dass man in dunklen Lebensphasen leichter Songs schreibt. Würdest Du das unterschreiben?
Nein. Ich glaube, die entscheidenden Fragen und Bilder passieren in der dunklen Phase. Dort verdichtet sich die Thematik. Aber umgesetzt sind sie besser, wenn wieder Lebensenergie da ist. Ich zehre von vielen Situationen, die nicht schön gewesen sind. In den trübsten Momenten habe ich keine guten Songs geschrieben. Das braucht eine gewisse Distanz. Die Songs sind ein Verarbeitungsprozess. Wenn man mittendrin steckt, ist es zwar wahnsinnig authentisch, jedoch vielleicht auch ein wenig langweilig.

Habt Ihr das Album wieder in Deinem Kreativ-Loft aufgenommen?
Viele Songs sind dort entstanden. Aber diesmal sind wir für die Produktion in zwei Sessions nach Ebersol gegangen - ins Balik-Studio. Die Sessions waren super ergiebig und lustvoll. Ich geniesse meine Loge natürlich sehr. Das fägt. Ich wünsche mir, dass das auch in Zukunft so weitergeht. Das macht Spass.

Zusammen kochen und Musik machen…
…Genau! Vielleicht weniger essen und mehr Musik machen (lacht).

Den Song "Grill" kennen Deine Fans ja schon eine Weile. Den hast Du schon 2002 bei Live-Konzerten als Intermezzo bei "Bluetbadbullschittläärloufmagerquark" eingebaut.
Er hatte damals eine andere musikalische Form. Mir hat der Text immer gefallen. Mir gefällt die Position des moralinsauren Blödmanns, der diese Szene beschreibt und am Ende des Abends erstaunt darüber ist, dass er noch immer alleine dasteht. Ich hatte einfach dieses Bild. Wir hatten ihn bereits einmal aufgenommen und er war auch schon im Rennen. Dann habe ich ihn Disu gegeben, damit er ihm eine neue musikalische Note verpasst. Kleine Elemente aus der Originalidee hat er beibehalten. Jetzt hat er eine Balkan-Band eingebaut. Ich bin begeistert!

Der wird live sicher ein Highlight.
Das hoffe ich! Aber manchmal passiert auf der Bühne genau das Gegenteil. Dann sieht bei den Proben alles federleicht aus und beim Konzert dann auf einmal nicht mehr. Ich bin sehr gespannt auf diese Tour.

Wenn Du Dich im Prozess des Songschreibens befindest, wie stark spürst Du voraus, in welche Richtung es gehen und wie experimentell das Stück sein wird?
Ich arbeite oft für mich alleine und habe meinen eigenen Film am Laufen. Ich jage dem dann nach. Man hat ein Bild, eine Vorstellung, einen Text. Und das bewegt sich irgendwann in eine Richtung. Danach kommt die sogenannte "Kleine Kammer" zusammen, die aus mir, Ändu und Disu besteht. Da werden die Songs musikalisch vorangetrieben. Im ganz grossen Team können wir nicht kreativ arbeiten, das muss überschaubar bleiben. Klar gab es manchmal auch wieder Wechsel. "Git's über üs e Himu", aus dem Album "Johnny - The Rimini Flashdown Part II", beispielsweise, war zuerst ein ganz eindeutiges Piano-Stück. Auf einmal wurde es zum Gitarren-Song. Experimentell wird es dann, wenn man einem Song weitere Farben verleiht, die aber keinen Selbstzweck haben. Ich bin immer umgeben von kreativen Geistern.

Den Song "Galgenfeld" kennen Konzertbesucher von Deiner "Meccano"-Tour als einen Song namens "Nachbarschaft".
Ich habe den Text schon länger geschrieben. Damals, als ich frisch ins Loft beim Galgenfeld gezogen bin. Ich wollte den Song noch nicht veröffentlichen, aber der Text hat mir so gefallen. Also habe ich mir überlegt, ihn in diese Tom Waits-Nummer einzubauen. So wurde er zu "Nachbarschaft". Ich wollte nicht mit Meccano auf Tour gehen und dem neuen Album vorgreifen. Also habe ich eine Möglichkeit gesucht, den Song in einer Form zu bringen, in der ich mit den Worten spielen kann, den Song aber nicht komplett verrate. Der Song, der jetzt auf "Finitolavoro - The Rimini Flashdown Part III" ist, war also die Ursprungsform. Nur für die Meccano-Tour ist er zum Tom Waits-Cover geworden.

Beim Song "Ausklaar" singst Du die Zeilen "Aues verlore u aues wieder gwunne". Bedeutet das, Du bist wieder am Ausgangspunkt angekommen? Ist genau das, was Du verloren hast, wieder zurückgekommen?
Ja. Das Leben ist ja immer wieder von Verlusten geprägt. Du bekommst aber unter Umständen auch wieder etwas zurück. Vielleicht wie ein Gefäss, aus dem etwas ausgeschüttet wurde und das man wieder auffüllen kann. Ich mache die Milchbüchlein-Rechnung nicht. Aber das, was ich verloren habe, habe ich wieder gefunden. Das ist das Entscheidende. Das hat mit Leidenschaft, Herz und Innigkeit zu tun. Wenn man sich nach einer dunklen Phase endlich wiederfindet und das Sprudeln der Kreativität wieder spürt. Man hat Lust, sich zu bewegen, hinauszugehen und sich die Welt anzuschauen. Das ist sehr entscheidend.

Die Themen Abschied und Verlust tauchen regelmässig in Deiner Musik auf.
Der Antrieb für eine künstlerische Arbeit entsteht oft aus Angst, Verunsicherung, und wird oft genährt von einer Ursuppe aus Verletzungen. Man spricht nicht so gerne darüber. Das sind Impulse für mich. Auf der letzten Scheibe musste ich mich mit meiner Mutter auseinandersetzen, weil ich das wollte, und weil es einfach nötig war. Es war ein langer Weg, der in den Song "Guet Nacht, Elisabeth" gegipfelt ist. Ich wollte mich mit einer bestimmten Szene versöhnen. Die, als ich am Vorabend, bevor ich ausgezogen bin, gehört habe, wie meine Mutter im Nebenzimmer weint. Das war ein schwieriger Moment und ich hatte Schuldgefühle. Ich konnte damals nicht gut darauf reagieren. Der Kern dieser ganzen Geschichte ist, dass ich vorwegnehme, dass meine Tochter Hannah auszieht. Das hat mein Unterbewusstsein gesteuert. Und jetzt ist es tatsächlich so weit. Jetzt will sie ausziehen und sie hat auch schon eine Loge gefunden. Das kommt auf der neuen Scheibe im Song "Da für Di" zum Tragen.

Das ist sicher nicht leicht.
Ich wusste, dass das irgendwann kommt. Aber ich wäre natürlich gerne ein bisschen cooler. Ich weiss haargenau, dass ich sie gehen lassen muss und dass das auch toll und richtig so ist. Sie ist neugierig, sie soll in die Welt hinaus. Sie ist bereit. Ich habe das grösste Vertrauen. Aber gleichzeitig denke ich: Ach Darling, komm, bleib noch ein wenig (lacht)! Ich banne irgendwelche Geister, indem ich mich mit dieser Thematik auseinandersetze. Ich möchte gewappnet sein. Meine künstlerische Arbeit hat damit zu tun, dass ich zugange komme mit der Welt, die mich umgibt. Damit ich nicht so verletzbar bin, wie ich eben bin. "Da für Di" halte ich für den schönsten Song des Albums. Er berührt mich emotional am meisten. Ich bin in letzter Zeit nie mehr so rein, so unverstellt, so ohne Sarkasmus oder Zynismus gewesen.

Es zieht Dich regelmässig zur jungen Hip Hop-Generation hin. Du hast schon mit Lo & Leduc gearbeitet, mit Tsigan und jetzt ist Manillio auf der neuen Scheibe vertreten. Was fasziniert Dich am Hip Hop?
Es gibt Kräfte, die mich faszinieren. Ich kenne Manillio schon länger und das Album "Irgendwo" hat mich wirklich berührt. Es gibt nicht viele Hip Hop-Alben, die eine fragile Seite haben. Die Attitüde beim Hip Hop ist ja oft die: "Passt auf, ich erzähle Euch jetzt, wie's funktioniert." Und ich stehe da mit meinen 53 Jahren auf dem Buckel, passe ganz genau auf und höre diese verdammte Botschaft einfach nicht. Und dann tauchen auf einmal Leute auf, die zweiflerischer sind und feiner mit der Sprache umgehen. Da kommt eine Energie zu Tage, die sehr faszinierend ist. Da herrscht auch ein ganz anderer Umgang mit der Musik. Als ich mit Lo & Leduc zusammengearbeitet habe, schrieben sie noch an der dritten Strophe, als ich bereits den Refrain einsang. Ich konnte es nicht glauben und sagte: "Wenn Ihr das jetzt fertigkriegt, während meiner Aufnahme eine ganze Strophe zu schreiben, dann bekomme ich eine Sinnkrise." Sie haben mir dann gesagt, sie hätten es nicht geschafft. Wahrscheinlich, um mich zu schonen (lacht). Mich fasziniert, wie gewisse Menschen mit den Worten jonglieren und sich gegenseitig den Puck zuschieben. Musikalisch hingegen habe ich bei diesen Hip Hop-Bands das Gefühl, da ist noch Luft nach oben.

Das Album "Fintiolavoro" (Fertig gschaffet) startet mit dem Prolog und endet mit dem Epilog. Und danach folgt der Titel-Song. Muss man sich Sorgen um die Zukunft von Patent Ochsner machen?
Das war keine Absicht. Es suggeriert "Tschüss". Ist aber nicht so gemeint. Es ist wirklich nur der Abschluss der Trilogie. Es heisst vielleicht auch: Es ist Wochenende. Leg den Hammer weg, es ist Freitagabend (lacht)! Ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass man es so verstehen könnte. Aber ich wurde jetzt schon mehrfach darauf angesprochen.

Diese Woche finden die ersten Konzerte in Solothurn statt. Fühlst Du Dich schon sicher und bereit?
Sicher fühle ich mich eigentlich nie (lacht). Ich freue mich einfach sehr und bin total gespannt. Ehrlich gesagt habe ich diese Phase sogar am liebsten. Wenn man sich noch sucht und alles noch so weich und formbar ist. Im Laufe der Tournee manifestiert sich das alles. Und das ist nicht unbedingt die spannendste Phase. Wenn das Eis, auf dem man sich bewegt, ein bisschen dünn ist, finde ich das äusserst interessant.

Hast Du schon ein bisschen im Gefühl, welcher der neuen Songs ein Live-Knaller-Highlight werden wird?
Wir reden hier von etwa vier bis fünf neuen Songs, die wir aktuell ins Repertoire aufnehmen. Das ganze Album spielen wir erst im Oktober. Bis dahin kann sich noch viel verändern und entwickeln. Aber ich glaube "Eine vo dene" könnte eine sehr schöne Live-Nummer werden. Aber diese Band ist eine Wundertüte. Man weiss es wirklich nie.

In Deinem Tagebuch schreibst Du, der Tour-Abschluss soll auf den Osterinseln stattfinden. Ist das gebucht?
Noch nicht. Es gibt kein Reiseziel, das mich mehr anzieht als der Pazifische Raum. Dort muss ich einfach hin. Ich weiss noch nicht wann, aber ich warte nicht mehr lange.
Interviewed by: Stella Nera
Redaktion: Stella Nera


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Künstlerportal von Patent Ochsner

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