INTERVIEW MIT GUSTAV



Gustav - 9
1. Tous ensemble
2. Un tambour dans le cœur
3. La prière
4. Ging da
5. Rêver à Lola
6. Dans la cave de mon grand-père
7. Ab hier
8. Funambule
9. Tomber de haut
10. Ne partez pas sans moi
11. Tous ensemble (version française) [Bonustrack]
mehr Infos

Get the Flash Player to see this player.

Keine Sauf- oder Tanzlieder: "Musik kann mehr, als nur unterhalten."

Seit Kurzem ist das neue Album des Fribourger Musikers Gustav draussen. Sein Album beweist, dass er auch ohne Schweiz als EM-Sieger gewonnen hat. Denn die Songs auf seiner neunten Scheibe zeigen eine neue Seite des kreativen Kopfes. Unverschnörkelt, ehrlich und berührend. Mit "Ging da" präsentiert er seine zweite Single.

hitparade.ch: Dein Album "9" klingt ernsthafter und etwas sanfter als Deine bisherigen Alben. Es hat auffallend viele Balladen mit tiefgreifenden Texten darauf. Gustav klingt irgendwie anders als sonst. Kann das sein?
Gustav: Es ist ein süffiges Pop-Album. Aber inhaltlich, denke ich, ist es reifer als die vorhergehenden. Bei mir war oft Happy-Stimmung angesagt. Und das mache ich nach wie vor gerne - besonders live haut das immer voll rein. Aber nun habe ich gespürt, dass ich so weit bin, auch einmal etwas grössere Themen anzugehen. Es sind teilweise sehr grosse Themen - im Song "La prière" geht es beispielsweise um Religion. Auch grosse Freundschaften sind ein Thema. Und im Song "Un tambour dans le cœur" setze ich mir einen Spiegel vor und lerne mich selbst besser kennen. Alle Songs, die ich schreibe, bringen mich weiter. Es sind weder Sauf- noch Tanzlieder. Auch kein Sommer-Hit ist darauf. Aber melancholisch ist's dennoch auch nicht. Man kann sich diese Songs zu Gemüte führen und sich darauf einlassen. Vielleicht werfen sie Fragen auf, die man auch sich selbst beim Zuhören stellen kann.

hitparade.ch: War es schwieriger als sonst, die Songs zu schreiben? Sind Happy-Songs einfacher zu schreiben?
Gustav: Wenn ich Musik mache, dann denke ich darüber gar nicht gross nach. Die Songs passieren einfach. Diesmal hatte ich das Konzept, dass ich verschiedene Räume, Orte und Plätze ausgesucht habe, die mir wichtig sind, und von diesen Orten liess ich mich inspirieren. "Tous ensemble" beispielsweise entstand, als ich in einem Stadion war - noch bevor ich wusste, dass daraus ein EM-Song werden würde. Jedenfalls war ich unter anderem in einer Kirche - und da entstand natürlich kein Happy-Song. Ich war nicht aus religiösen Gründen da. Ich zündete einfach eine Kerze für die Familie an und setzte mich hin. Die Kirche ist ein stiller Ort. Du kannst in die lauteste Stadt der Welt gehen und in der Kirche ist es einfach still. Der Ort hat irgendetwas. Alle flüstern. Alle sind voller Ehrfurcht vor den Räumen und der Atmosphäre. Der Ort hat eine Kraft, die mich beeindruckt. In meinem Fall hat es nichts mit Religion zu tun, sondern nur mit dem Raum selbst. Und als ich da so sass, kamen die Gedanken um die Terroranschläge im Bataclan in mir hoch. Es war wenige Wochen danach. Dieser Anschlag ist mir sehr nahe gegangen, da das Bataclan ein Ort ist, der mich ans Frison in Fribourg erinnert. Bands, die dort spielen, spielen auch im Frison. Auch die Eagles of Death Metal habe ich schon live erlebt - und ich habe einen Freund, der Tickets für dieses Konzert im Bataclan hatte und nicht hingegangen ist. Auf einmal geht einem so etwas näher. Und da gingen mir diese Fragen durch den Kopf: Was soll dieser Scheiss? Wie viel braucht es noch? Wie viele Brücken müssen noch gebaut werden und wieviele Köpfe müssen noch eingeschlagen werden, bis alle checken, dass man näher zusammenrücken sollte? So entstand einer der ernstesten Songs. Es gibt einfach Themen, die wichtig sind. Dinge, die man aussprechen sollte. Musik hat eine grosse Kraft, die sehr viel mehr kann, als nur unterhalten.

hitparade.ch: Drückst Du Dich bei ernsten Themen lieber Französisch aus? Die meisten Songs auf dem Album sind ja auf Französisch…
Gustav: Ja, in diesem Fall war das tatsächlich so. Ich mache immer zuerst die Musik und das läuft sehr intuitiv. Und erst später kamen die Texte. Meist beginnt es mit einer Fantasiesprache und da kristallisiert sich dann ein Thema, ein Element, Fragment oder ein Wort heraus, um das herum ich dann den gesamten Text aufbaue. Man spürt, wenn es in die richtige Richtung läuft. Musik machen und Texte schreiben sind zwei Paar Schuhe. Ich mag Mundart-Songs sehr, wenn sie knochig und erdig sind. Und diese Songs waren einfach nicht so. Sie waren grösser, pompöser und vom Arrangement her eher komplex. Beim Ausprobieren passte meist weder Mundart noch Hochdeutsch. Und Englisch ist bei mir eher selten ein Thema. Auf Französisch klang es runder. Ich habe mit französischen Paroliers zusammengearbeitet - sie haben mir geholfen, die Finessen der Sprache auszuarbeiten. Französisch ist meine zweite Sprache; wenn ich wirklich gute, französische Texte machen möchte, brauche ich etwas Hilfe. Mir ist wichtig, dass ich meine eigenen Texte singe, aber dass sie ausgereift sind und das aussagen, was ich möchte.

hitparade.ch: Beim letzten Album hast Du alle Instrumente selbst eingespielt. Hast Du das diesmal auch wieder gemacht?
Gustav: Ich mache eigentlich immer alles erstmal selber. Diesmal war es zuerst auch so. Ich habe alles eingespielt. Und dann wollte ich, dass es noch mehr Tiefe bekommt und habe dann angefangen, andere Musiker dazuzunehmen. Beispielsweise hat Bali (Alexander Balajew) das Schlagzeug eingespielt. Das ist technisch schwierig, es selbst aufzunehmen. Ich bin ja mein eigener Ton-Ingenieur. Das heisst, Knöpfli drücken, aus der Regie rennen und einspielen. Das ist natürlich nicht so einfach. Bei einem anderen Song liess ich jemanden kommen, der am Flügel spielte. Es ist also grundsätzlich von mir, doch an gewissen Punkten habe ich andere Musiker dazugeholt, die eine neue Farbe in die Songs brachten. Gerade bei Soli, wo die Instrumente sehr stark im Vordergrund sind, war mir wichtig, einen Profi an Bord zu haben. Es geht nicht um die Art, zu spielen. Ich kann ein bisschen akkördeln und auch die Bläsersachen könnte ich spielen, aber bei mir klingt das ein bisschen trötig (lacht). Beispielsweise hatte ich erst das Saxofon-Solo beim letzten Song selbst eingespielt, aber als ich es mir angehört habe, da wusste ich, dass das lieber jemand anders machen sollte (lacht).

hitparade.ch: Und wie kam es zur Zusammenarbeit mit Miriana Hochreutener beim Song "Ab hier"?
Gustav: Ich habe die junge Zürcherin bei einem Workshop kennengelernt, den ich gegeben habe. Sie war an der ZHDK. Sie ist extrem souverän, was Backing-Vocals angeht. Und irgendwie entstand so etwas wie ein Duett am Ende.

hitparade.ch: Jetzt ist Deine zweite Single da. "Ging da" ist so eine coole Nummer. Wie kam es zu dieser Idee?
Gustav: Mein Musikspektrum ist sehr breit, ich lasse mich nicht einschränken. Daher entstehen immer wieder neue Sachen. Ich bin einfach offen für alle Stilrichtungen und Möglichkeiten, die sich mir musikalisch auftun. Ich glaube, ich habe alle Stile schon einmal gespielt. Manchmal hat es auch mit der Auswahl der Instrumente zu tun. Würde man diesen Song nur mit Gitarre spielen, würde er vielleicht nach einem andern Stil klingen. Da habe ich übrigens Cello gespielt bei dem Song. Nur so "Bum-Tsching" (lacht). Was ich toll finde, ist, dass ich einen riesigen Output habe. Ich könnte jeden Tag mehrere Songs schreiben. Das ist auch der Grund, wieso ich ein Konzept für ein Album brauche. Damit ich ein Gärtchen habe, wo ich mich darin bewegen kann, ohne mich irgendwo zu verlieren.

hitparade.ch: Wo setzt Du all diese Ideen ein?
Gustav: Ich habe ja auch schon Theater- und Filmmusik gemacht. Werbung und iPhone-Apps. Songs als Lehrmittel für Schulen ebenfalls. Das Spektrum reicht ganz weit. Ich kann mich also austoben. Solche Sachen passen dann aber nicht auf ein Album von Gustav. Ich glaube das wäre sehr schräg, wenn ich da mit Theatermusik auffahren würde. Ich denke, ich fordere die Leute schon genug heraus mit den verschiedenen Stilen und Sprachen.

hitparade.ch: Live bist Du eine Rampensau. Ich nenne Dich jeweils "furchtloser Entertainer". Ist man das einfach? Oder lernt man das?
Gustav: Wenn man Songs hat, die das anbieten, ist es einfacher. Auf der Bühne darf man sich nicht zu sehr davon ablenken lassen, was rechts und links passiert. Steht man auf der Bühne, sieht man alles. Man sieht, wer nicht zuhört, wer an die Bar geht. Man sieht jedes einzelne Gesicht. Auf der Bühne bin ich hellwach. Sehe alles, spüre alles. Alle Rezeptoren sind offen. Ich glaube, das lernt man wirklich ein bisschen. Seit ich 16 bin, stehe ich auf Bühnen. Das ist irgendwann ganz natürlich. Ich habe gemerkt, dass ich auf der Bühne eine Präsenz habe, sodass die Leute mir zuhören. Ich kann nicht sagen, woran es liegt. Aber es ist jeweils ein Link zum Publikum da, den ich suche, und den ich auch vom Publikum zurückerhalte. Da ich so vieles wahrnehme, spüre ich auch schnell, ob eine Setlist funktioniert oder nicht. Die Erfahrung zeigt mir auch immer wieder, welche Songs wann und wie funktionieren, wie viel man plaudern soll und so weiter. Ich habe schon an den miesesten Ecken überhaupt gespielt mit fünf Personen im Publikum, alle mit Regenschirm. Wir zu acht auf der Bühne. Das ist mir aber total Wurscht! Ich will, dass diese fünf Leute und auch ihre Regenschirme total abgehen (lacht). Ich will, dass diese Leute am Ende sagen "Das war das geilste Konzert, auf dem ich je war." Dann gehen sie nach Hause, erzählen es ihren Freunden, und dann hast Du beim nächsten Mal vielleicht schon sechs Regenschirme vor der Nase. Ich habe es nicht anders erlebt. Ich bin nicht aus einem Push heraus entstanden. Ich habe ganz klein angefangen. Meine Wurzeln greifen sehr tief, mich haut nicht so schnell etwas um. Ich denke, wenn man Erfolg hat, ist es enorm wichtig, nicht die Erwartung zu haben, dass es immer so weitergeht. Man weiss ja nie, was passiert.
Interviewed by: Stella Nera


Linktipps:
Das Album "9" anhören und downloaden
Künstlerportal von Gustav

Australien Belgien Dänemark Deutschland Finnland Frankreich Italien Neuseeland Niederlande Norwegen Österreich Portugal Schweden Spanien Suisse Romande
deutsch
LOGIN
PASSWORT
Passwort vergessen?