INTERVIEW MIT WILLIAM WHITE

Der Winterthurer William White durfte in seiner Heimatstadt als Support von "Archive" agieren. Grund genug, ihn um ein kleines Interview zu fragen.
Durften wir... und wurden vor dem Auftritt persönlich empfangen. Mit glänzenden, feurigen Augen und gesprächsfreudig stellte er sich unseren Fragen und erzählte von sich. Unkompliziert, direkt und unverblümt - geplant waren knappe zehn Minuten. Na ja, es wurden ein paar mehr, hat aber riesig Spass gemacht..!

hitparade.ch: Vor zwei Monaten ist dein Debüt-Album erschienen, eine spannende Phase. Wurden deine Erwartungen bis anhin erfüllt? Gab es positive Überraschungen?
William White: Ja, ich bin sehr zufrieden. Es läuft. In der Schweiz liefen zum Beispiel die Lieder "Rain" und "Misfit" regelmässig im Radio. Auch in der Westschweiz und im Tessin fand ich eine hohe Akzeptanz, was mich überraschte. Man arbeitet und arbeitet und doch weiss man nie, wie das für jemand andern tönen wird. Darum war es sehr erfrischend, so viele positive Reaktionen zu erfahren. Die Leute sind begeistert. Und jetzt hat sich daraus ein deutscher Plattenvertrag ergeben, welchen ich gerade unterschrieben habe. Ich hoffe, die gute Phase hält noch ein wenig an.

hitparade.ch: In den Medien wirst Du öfters mit Jack Johnson, Keziah Jones oder Ben Harper verglichen. Stören Dich solche Vergleiche?
William White: Ja und nein. Ich hatte definitiv nicht vor, jemanden zu kopieren. Nur weil alle Goldfischchen zu Hause haben, muss ich mir nicht auch welche besorgen. Ich habe offenbar einen Zeitgeist getroffen und werde nun mit anderen Leuten verglichen, die zufälligerweise denselben Stil verfolgen - an anderen Ecken dieser Welt, was ja schön ist und mich bestätigt. Für mich sind das nur grobe Vergleiche. Mein Ziel war es, eine Platte zu machen, die angenehm zu hören ist, die einen nicht in die Knie zwingt, sondern ins Herz brennt. Da ich Jack Johnsons Musik sehr mag, ist der Vergleich aber grundsätzlich schön.

hitparade.ch: Du hast bereits für diverse andere Bands Songs geschrieben und bei anderen Bands mitgespielt - z.B. "Liz Libido", eine nicht ganz unbekannte Band in der Schweiz. War nun Dein Album genau das, was Du als Solo-Künstler machen wolltest?
William White: Hier fällt mir die Antwort leicht: Ja! Ich durchlief einen langen Reifungsprozess, bis ich für dieses Projekt bereit war. Meine Angst war, damit zu sehr von der vorherrschenden Norm abzuweichen. Ich spürte, dass ich - nach der Arbeit mit "Liz Libido" - reif war, etwas Akustisches zu machen. In den 60er Jahren hat's diesen Sound ständig gegeben. Und dann kam halt der Rock und dieses emotionale Schöne musste dem zwingend Treibenden weichen. Bei "Liz Libido" fand ich nicht den nötigen Platz für meinen neuen musikalischen Weg, so dass ich entschied, solo anzutreten. Ich denke, ich hab' den richtigen Moment erwischt.

hitparade.ch: Musik hat offenbar einen hohen Stellenwert in deinem Leben, macht dir mehr als nur Spass. Du hattest ja sogar mal einen Gastauftritt bei der Winterthurer Punk-Formation "Hukedicht" (beim Song "Son of a Gun" des Albums "United Horror of Rock'n'Roll" von 2003). Experimentierst du gerne mit anderen Musikstilen?
William White: Ich arbeite, wenn's um Musik geht, allgemein gerne mit Leuten zusammen. Ich bin nicht ein Tennis-, sondern ein Fussballspieler. Ich hab' gerne Leute um mich herum, die die Begeisterung mit mir teilen und bereit sind, die Sache anzuschauen und sich selber in den Hintergrund stellen. Und wenn "Hukedicht" findet, sie würden gerne etwas mit mir machen, und alle sind bereit, sich die Zeit und Freude zu teilen, dann bin ich sicher dabei. Das läuft völlig ohne Vertrag: Schnell ein Lied mit Kollegen, ein paar Bierchen - das ist doch super so.

hitparade.ch: Wir haben festgestellt, dass du im Studio die meisten Instrumente selbst eingespielt hast. Das erinnert ein wenig an die Anfänge Lenny Kravitz', der das auch gemacht hat, weil er kein Geld für andere Musiker hatte. War das auch Dein Grund?
William White: Ich spiele nicht nur auf der Platte gerne alle Instrumente. Mit der Zeit bin ich immer wieder hinter dem Schlagzeug gesessen, um dem Drummer genau zu zeigen, wie ich es wollte. Ich bin oft ohne Band im Übungsraum gesessen, um zu üben, damit ich den restlichen Musikern zeigen konnte, was in meinem Kopf war. Ich habe mir das Ganze aufgezwungen, habe es aber trotzdem gerne gemacht. Bevor's dann in Studio ging, hab' ich damit begonnen, zu Hause die Sachen aufzunehmen und habe gemerkt, dass ich meine Ideen ausleben kann, ohne dies jemandem erklären zu müssen. Ich muss niemandem meinen Groove aufzwingen oder beibringen. Es groovt so, wie ich es will. Geld war natürlich auch ein wichtiger Grund: Wenn ich jeden Musiker hätte extra holen müssen, hätte ich ihm zuerst alles erklären müssen. Und ich hatte die finanziellen Mittel für diese Platte definitiv nicht. Viele Kollegen haben mich gepusht: "Das tönt doch gut, Willi, lass es so! Du machst das super!" Und irgendwann hab' ich begonnen, dies zu begreifen. "Ok, mach' es doch selber, dann ist es dein Baby. Und niemand kann dann etwas sagen, sondern es ist meine Wahrheit und Ehrlichkeit!"

hitparade.ch: Ist dies dann auch der Grund, dass du ein eigenes Baby in den Händen halten kannst, dass du ein Solo-Projekt gestartet hast und nicht weiter mit "Liz Libido" zusammenarbeitest?
William White: Ja. Ich wollte mal zeigen, was ich alleine kann, machen was ich will, und nicht abhängig sein von einem Schlagzeuger, der vielleicht jenes nicht kann oder einem Gitaristen, der diesen Musikstil noch nie gespielt hat. Ich spiele nicht einfach Reggae, ich spiele nicht einfach Funk - es ist alles ineinander gemischt. Jeder Song hat etwas von Allem drin. Und dann muss man dementsprechend auch Musiker haben, die in diesem Milieu schon gespielt haben. Und das war jetzt praktisch unmöglich, weil es ja mein eigenes Milieu ist. Und so muss es halt wirklich mein Baby sein, zu dem ich stehen kann. Es war schon ein Entscheidungskampf: Soll ich jetzt einfach ein paar Demos aufnehmen und dann The Real Thing machen? Aber bei den Aufnahmen hab' ich gemerkt: Das muss reichen, schlecht ist es bestimmt nicht. Man versteht was ich meine.


hitparade.ch: Du dankst im Booklet sehr vielen Menschen, die dir auch in schwierigen Zeiten beigestanden sind. Was waren das für Zeiten?

William White: Es ist eine Herausforderung, ohne Geld Musik zu machen. Ich hatte viel Pech, aber auch viel Glück. Zum Beispiel ging ich zu David Langhard ins DALA-Studio und nach ein paar Tagen funktionierte sein Mischpunkt nicht mehr, da es einige Sicherungen herausgehauen hat. Als ich an diesem Morgen ins Studio kam, war er den Tränen nahe. Für mich war der Fall klar: Jetzt geh' ich wieder normal arbeiten. Doch wir sahen, dass vier einzelne Spuren auf dem Mischpunkt nach wie vor funktionierten. Anfangs waren die Aufnahmen an diesen Geräten ein ziemlicher Dämpfer, doch mit der Zeit habe ich erkannt, dass ich wohl nie so viele Freiheiten gehabt habe, um herumzubasteln. Das Geld hat mich natürlich auch total kaputt gemacht. Während der Entstehung dieser Platte lebten ich und meine Familie vom Sozialamt. Ich sass damals von morgens 10 Uhr bis nachts um 3 Uhr im Studio. Das Geld ging aber viel zu schnell aus, was mir einige Probleme machte. Aber schön war, dass so viele Leute mir geholfen haben. Die haben die Lieder gehört und gesagt: "Willi, wir finden deine Songs so gut. Geld - ein anderes Mal..." Und das zog sich durch von David Langhard vom DALA-Studio bis Walti Schmid, der das alles gemastert hat. Hätte ich das sofort zahlen müssen, hätte ich ein ganzes Jahreseinkommen hinblättern müssen. Es ist unglaublich, aber sie sind Fans meiner Musik und meiner Einstellung, dass ich da wirklich alles selber mache und anpacke, dass ich mein ganzes Herzblut hineinstecke. Sie waren sehr beeindruckt davon, ohne zu merken, dass ja sie es waren, die mich angetrieben hatten.

hitparade.ch: Du singst auch über Veränderungen, über Altes und Neues, z.B. im Song "Let It Sink In". Wie hast Du Deinen Wegzug von deiner Heimat Barbados nach Winterthur erlebt? Vermisst du manchmal Barbados?
William White: Ich glaube, ich vermisse Barbados, wenn ich an meine Jugend zurückdenke. Den Jungen, der wirklich viel Zeit hatte zum Träumen, Herumhängen und Phantasieren. Jene Zeiten vermisse ich manchmal. Ich bin jetzt 13 Jahre in der Schweiz und die andere Seite von mir sagt: "Nein, ich vermisse es nicht, dort zu sein". Denn ich will jetzt vorwärts machen. Wenn man das gemacht hat, kann man auch wieder dorthin gehen, wo man träumen kann. Und dann hast du noch die Eltern mit ihren ständigen Ängsten und Sorgen. In Barbados läuft es einfach nicht so wie hier. Es hat nicht so viele Fanatiker dort wie hier, keine Möglichkeiten, so etwas zu basteln.

hitparade.ch: Wenn wir gerade von anderen Kantonen sprechen: Du bist gerade unterwegs und gibst 15 Konzerte in der Schweiz. Derzeit als Support für die beiden Konzerte von "Archive", eine doch etwas spezielle Band. Wie ist das zustande gekommen?
William White: Das kam übers Booking. Normalerweise spielen "Archive" riesigen Pink Floyd-artigen Sound, doch dieses Mal spielen sie rein akustische Konzerte. Das hat sehr gut zu meinem persönlichen Sound gepasst. "Lovebugs" machen auch gerade eine Unplugged-Tour. Alle machen momentan diesen Sound. Und dann kommt mein Glück, dass man als Vorgruppe halt keine lauten Rockbands brauchen kann. So hab' ich nun meine Ecke, wo ich gerade etwas höher stehe als andere.

hitparade.ch: Was sind Deine Pläne nach der Tournee? Neue Projekte? Neue Platten? Oder erst mal eine Pause?
William White: Das frag' ich mich selber. Ich kann nicht unter Zeitdruck arbeiten. Wenn die Zeit reif ist, mache ich eine neue Platte.
Dies wird schon irgendwann zwischen 2006 und 2007 sein. Unter Zeitdruck entsteht dieses Feeling nicht. Ich weiss, die nächste Platte aufzunehmen wird eine grosse Herausforderung sein. Ich finde meine Platte wirklich super und frage mich, ob ich so etwas nochmals hinkriege. 1'000 solche Sachen gehen durch meinen Kopf. Und ich hab' keine wirklichen Antworten. Das Prinzip ist einfach: Schöne Musik braucht Herzarbeit, und das Herz arbeitet nicht schnell, sondern langsam und mit Gefühl. Es gibt Tage, an denen es einfach nicht läuft, und das muss man akzeptieren. Ich kann nicht industriell vorgehen, um solche Musik zu machen.

hitparade.ch: Du hast jetzt deinen Weg von ganz unten ganz alleine bestritten und dich hochgekämpft. Und nun ist vor rund drei Monaten die Sendung "MusicStar" zu Ende gegangen. Was hältst du von solchen Shows und von deren Gewinner?
William White: Sehr schwierig zu sagen. Dass es sehr viele talentierte Leute gibt, bezweifle ich nicht.
Ich bin aber skeptisch: Ich weiss seit ich klein bin, dass ich gut singen kann. Das ist aber nichts - man muss etwas machen damit. Man kann nicht einfach einen Preis gewinnen, um besser zu sein als andere. Wenn du herauskommst, triffst du auf einen, der keine Bildung hat, der noch nie etwas gewonnen hat und der trotzdem zehnmal besser ist als Du. Mich stört die Geldmacherei bei "MusicStar". Sie haben keine Kunst vor Augen, sondern wollen einzig Geld machen und Einschaltquoten erzielen. Aber sie sagen es nicht. Sie tun so, als würde wirklich die Musik im Vordergrund stehen. Und wenn sie wirklich die Musik in den Vordergrund stellen würden, würde vielleicht auch gute Musik gemacht. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass dieses Pop-Stars-Zeugs und die Lieder, die sie singen, ziemlich unteres Niveau sind. Das ist ein Haus gebaut auf Sand, das mit der Zeit versinkt.

hitparade.ch: Wir haben hier noch die aktuellen Singles-Top 10 der Schweizer HHitparade, kannst du einen Kommentar dazu abgeben?

1. 50 Cent feat. Olivia - Candy Shop
William White: Ein Hype-Produkt. Ich finde den Titel weder schlecht noch gut. Seine erste Single fand ich cool. Leider ist bei ihm aber so viel Promotion, dass man nicht wirklich weiss, ob er wirklich aus der Hood ist oder ob er einfach ein "Urban School Boy" gewesen ist. Es gibt verschiedene Arten von Hip Hop, die ich mag. Diesen hier aber nicht so.

3. Schnappi - Schnappi, das kleine Krokodil
William White: Hey, jeder hat seine Gans, die goldene Eier legt. Da hat wirklich jemand gearbeitet und ohne jeglichen Vorwand und irgendwelche Geheimniskrämerei ein Kinderlied geschrieben, das zu einem Hit für Erwachsene wurde. Die Schnappi-Macher werden nie behaupten, sie machen anspruchsvolle Musik, sondern sie sagen: "Hey, wenn's ankommt - super!" Sie haben sicher nicht mit dem Erfolg gerechnet. Das Lied beweist, dass einfache Musik, die schön ins Ohr geht, immer funktioniert. Wenn eine gewisse Ehrlichkeit da ist, dann kann niemand wirklich böse Kritik ausüben. Es ist vielleicht witzig und eine komische Sache, aber zeigt doch auch ein wenig die Armut in der Musikszene. Nicht einfach, weil's ein Hype ist kauft man's, sondern weil man's gern hat, auch wenn man sich vielleicht ein bisschen schämt, im CityDisc zu stehen und Schnappi zu kaufen. Ist doch egal, kauf' es doch, wenn's dir gefällt!

4. Jennifer Lopez Get Right
William White: Ich verstehe die Ebene von 50 Cent und Jennifer Lopez nicht ganz. Sie reist von Studio zu Studio und singt Songs, die irgendwelche Leute für sie geschrieben haben, pusht sie mit einem super Video und einer Riesen-Show. Das ist einfach nicht meine Art.

6. Ciara feat. Missy Elliott - 1, 2 Step
William White: Missy Elliot finde ich ganz genial. Sie ist nicht die Schönste und sie ist definitiv kein weiches Baby, die überall verhätschelt oder gepusht werden muss. Sie hat sich eine eigene Welt erschaffen, ihren eigenen Stil, ihre eigenen Videos, ihre eigenen Klamotten, ohne dass sie die geilsten Brüste oder den schärfsten Arsch hat und sich verhält wie ein krankes Luder. Und das finde ich super. Ich habe deswegen sehr viel Respekt vor Missy Elliot. Die Qualität spricht für sich, und nicht einfach ihr Aussehen.

7. Söhne Mannheims - Und wenn ein Lied
William White: Ganz geile Melodien. Finde ich wirklich sehr schön, dieses Lied.

9. Sarah Connor - From Zero To Hero
William White: Sarah Connor finde ich mittelmässig. Nicht alles, was sie macht, gefällt mir. Dieses Lied kenne ich nicht.

10. Gwen Stefani feat. Eve - Rich Girl
William White: Witzig. Mir hat "No Doubt" im Original viel besser gefallen. Dieser Mix aus Punk, Ska und bisschen Rock, das hat mir sehr gefallen und Jeder hat auch das Potenzial darin erkannt. Jetzt klingt Gwen solo einfach sehr clubbig. Die Platte geht zwar überall ab wie die Hölle. Auch meine DJ-Kollegen sind Fans dieser Scheibe. Das ist nicht mein Sound, aber sicher toll.



Linktipps:
Konzerbericht Archive mit William White als Support im Salzhaus
Offizielle Seite von William White
William White - Undone, mit Hörproben

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