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"In Halluzinationen kann man die Wahrheit erkennen" - hitparade.ch



Fotos © Nadia Tarra

Sophie Hunger bricht mit ihrem neuen Album "Halluzinationen" Träume auf. Sie ergründet Wahrheiten, indem sie auf den Ursprung des Seins hört: auf die Visionen, die vor der Realität existieren. Getreu dem Leitsatz "Truth is born in the shape of a dream".

hitparade.ch: Du hast einst gesagt, die Vision eines Songs und der Song selbst können sehr weit auseinanderliegen. Geht es bei "Halluzinationen" darum, dass Du diese brauchst, um Songs erschaffen zu können?
Ja, Halluzinationen sind Musik machen. Ich stelle mir Dinge vor und träume - und daraus entstehen dann diese kleinen Möckli, die man Lieder nennt. Sie ergeben für einen kurzen Moment Sinn und schalten das Chaos aus. Dann dauert es nicht lange, das Chaos kommt zurück und man schreibt ein neues Lied, um wieder Ruhe hineinzubringen.

hitparade.ch: Sind Halluzinationen für Dich Hirngespinste? Oder denkst Du es sind Einblicke in eine Welt, die real ist, die wir aber im Normalfall nicht wahrnehmen können?
Ich glaube, dass sie real sind. Ich glaube zudem, dass man immer dann besonders viele Visionen und Ideen hat, wenn einem irgendetwas fehlt. Dass Halluzinationen eine Art Reaktionen des Gehirns, des Geistes oder der Seele darauf sind.

hitparade.ch: Dann sind es irreale Dinge, die Dich inspirieren…
Genau. Dieses Irreale ist es, was uns von Computern unterscheidet. Dass wir Sehnsüchte haben und träumen können. Der Computer kann nur das Reale beurteilen. Die Vorstellungskraft für das Irreale fehlt. Ich wollte darum ein Album machen, das sich nur den Halluzinationen widmet und nicht den Fakten.

hitparade.ch: Dann sind Halluzinationen für Dich nichts Beängstigendes? Eher etwas Befreiendes?
Nein, genau. Etwas Befreiendes. Etwas, worin man die Wahrheit manchmal besser erkennt als in in den Tatsachen, dem Wetterbericht oder der Tageschau zum Beispiel. Aber es kann auch gefährlich werden, wenn man nur noch in diesen Halluzinationen lebt. Wenn man es übertreibt, isoliert man sich. Wenn man Menschen in der Psychiatrie besucht, dann ist es oft so, dass sie das Mass überschritten haben. Und nur noch in ihrer Vorstellungswelt leben. Die normale Welt ist dann nicht mehr so leicht auszuhalten.

hitparade.ch: Im Titelsong zeigst Du eine Art Hassliebe zu den Halluzinationen. Du hämmerst an die Tür. Du singst: "Ich liebe, ich hasse Euch, ich kann mich nicht mehr wehren."
Genau. Ich bin mir bewusst, dass man auch zu viel davon erwischen kann.

hitparade.ch: Album-Produktionen laufen normalerweise so ab, dass die Bands tagelang im Studio sind, jeden Song einzeln abarbeiten und alles hundert Mal spielen, bis es endlich sitzt. Jeder hockt in seiner Kabine, damit an jeder Spur später millimetergenau herumgeschraubt werden kann. Ihr habt es jedoch komplett anders gemacht…
Das stimmt. Wir haben das Album sechs Mal komplett von A bis Z durchgespielt. Ohne Pause. Kein Song wurde direkt wiederholt. Das wars. Am Montag drei Mal und am Dienstag drei Mal. Overdubs waren nicht erlaubt - und wir haben alles im selben Raum aufgenommen, was auch sehr ungewöhnlich ist. Auf jeder Spur sind auch Klänge der anderen Musiker mit drauf. So konnten die Tonspuren nicht nachträglich bearbeitet werden. Wir gingen volles Risiko.

hitparade.ch: Rauheit als Stilelement sozusagen.
Genau. Wir wollten den Moment festhalten. So echt, wie er da eben war.

hitparade.ch: Welche Auswirkungen hatte dieses Vorgehen auf die Songs?
Das Ganze ist einem Live-Konzert näher als es ein typisch durchproduziertes Album wäre, bei dem man sich Zeit genommen und alles nochmals drei Mal umgedreht hätte. Dadurch gab es natürlich Momente im Nachhinein, in denen ich Dinge bemerkte, die ich unter anderen Umständen verändert hätte. Gerade Tempi-Sachen sind in der Regel im Studio ein grosses Thema. Da überlegt man lang und breit, wie schnell das Stück gespielt werden soll - es ist ja dann für immer! Und weil diese Produktion so schnell ging, hatte dieses Nachdenken keinen Platz. Gerade heute habe ich "Alpha Venom" gehört und es kommt mir so langsam vor (lacht). Wir haben es später einmal gespielt und gefilmt, und da haben wir es viel schneller gespielt. Das ist aber Teil des Spiels, wenn man sich dazu entschliesst, eine Album-Produktion so durchzuziehen.

hitparade.ch: Ganz, ganz früher, bei "Sketches On Sea" hast Du mit der Gitarre in der Küche gesessen und dort die Songs aufgenommen. Bei den nächsten Alben dann wurden die Produktionen immer aufwändiger – bis schliesslich "Molecules" von vielen Computerelementen lebte. Ist die Produktionsweise, die Du bei "Halluzinationen" gewählt hast eine Art Schritt back to basics? Ein Zurückblicken auf die Ursprünge? Ein Weg, zu zeigen, dass die Musik im Moment entstehen muss und nicht erst dann perfekt ist, wenn noch tagelang daran geschraubt wird?
Ja. Ich habe gemerkt, dass mir das liegt. Das bedeutet aber nicht, dass die andere Vorgehensweise falsch ist. Bei "Molecules" haben wir das Gegenteil gemacht, das war damals richtig. Stein für Stein, über 6 Wochen jedes Staubkorn einzeln zusammengesammelt. Jedes Mal wenn man ein Album macht, braucht man eine formale Idee, je exzentrischer sie ist, desto besser, finde ich.

hitparade.ch: Du warst in den Abbey Road Studios für die Aufnahmen. Wie war es, in diesen geschichtsträchtigen Räumen zu sein und Musik zu machen?
Es war sehr beeindruckend. Bereits in der Vorbereitung, beim Komponieren zu Hause, habe ich Bilder von den Abbey Road Studios ausgedruckt und bei mir im Studio - das auch meine Küche ist – rundherum aufgehängt. Fotos von Türklinken und kleinen Gegenständen, um mich dem Ganzen anzunähern. Meine Küche wurde zum Abbey Road Studio. Sodass ich, wenn ich am Morgen aufwache und nicht mehr weiss, woran ich gerade bin, sofort wieder in das Feeling hineinkomme. Damit ich die Vision immer als Bild vor Augen hatte. Und als ich in diese Räume kam, konnte ich diese Dinge alle in Echt sehen. Die Uhr, der Boden, das Klavier, die Türklinke… Es war alles da. Wir waren ja nur zwei Tage da, es gab kein Abschalten und Durchatmen, man war immer präsent bei der Arbeit.

hitparade.ch: Deine Songs sind Englisch, Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch… Wie schnell weisst Du, welche Sprache welcher Song haben wird?
Das entsteht immer ganz zu Beginn. Oft ist es ein bestimmtes Wort oder ein Satz, den ich gern singen möchte. Dann kleidet man das aus - und mit ein wenig Glück ist es am Ende ein ganzer Text. Bei "Halluzinationen" gefiel mir die Idee, sie mir als Personen vorzustellen, bei denen man eben auch einziehen könnte. Das Wort alleine ist ganz gut, es zu sagen ist schon fast wie ein Rad zu schlagen.

hitparade.ch: Stimmt. Das war doch damals auch so bei "Terpentin" (Song: Die ganze Welt).
Genau (lacht). Es gibt Worte, die verdienen einen eigenen Song.

hitparade.ch: Kann es auch einmal sein, dass Dir ein Thema zu persönlich wäre und Du dann auf eine andere Sprache ausweichst?
Eher, dass ich spüre, dass ich es abstrakter darstellen kann.

hitparade.ch: Komponierst Du eigentlich noch hauptsächlich mit Deiner Gitarre?
Nein, ich arbeite mehrheitlich am Computer. So kann man die Songs bereits während des Entstehens arrangieren. Ich habe für jedes Instrument eine Spur und kann so am Computer sehr klar definieren, wie der Song am Ende klingen soll. Bringe ich nur einen Basis-Song mit Gitarre, entstehen so viele Möglichkeiten, die könnte man gar nicht mehr fassen.

hitparade.ch: Der Song "Finde mich" fühlt sich nach viel Sehnsucht an. Denkst Du, man kann erst glücklich werden, wenn man findet, was einem fehlt?
Ich würde es anders formulieren. Ich denke, wenn man weiss, was einem fehlt, dann kann man es finden. Etwas zu finden bedeutet ja, dass man es bereits auf dem Radar hatte. Sonst würde man es nicht suchen. Wenn Du Deinen Traum kennst, ist die Chance, dass er sich erfüllt, viel grösser.

hitparade.ch: Der Song hiess ursprünglich "Helvetia".
Ja, genau. Ich war am Frauenstreik letztes Jahr und es hat mich so wahnsinnig beeindruckt. Ich war noch nie in einer so grossen Menschenmenge, die praktisch nur aus Frauen bestand. Diesen Zusammenhalt zu spüren, war unglaublich und es hat mich noch lange beschäftigt. Das war ein prägender Moment. Diese Energie zu spüren war so unfassbar schön. Aus diesem Gefühl heraus wollte ich darüber schreiben, wie es wäre, wenn wir uns finden würden. Was dann möglich wäre.

hitparade.ch: Du hast einmal gesagt, als Künstlerin kannst Du fast grenzenlos und damit intensiv leben. Jagt Dir das manchmal Angst ein? Wachst Du morgens manchmal auf und denkst: Mein Leben ist total verrückt?
Manchmal. Keine Grenzen zu haben bedingt, dass man sehr diszipliniert sein muss. Man arbeitet meistens nur aus sich heraus. Es gibt niemanden, der Dir eine To-Do-List schreibt. Aber immer, wenn ich denke, es wird mir zu viel, versuche ich mir vorzustellen, ich hätte einen fixen Job. Dann dauerts genau drei Sekunden und ich weiss wieder, dass ich schon am richtigen Plätzchen sitze. Ich denke dann jeweils: Gottseidank gibt es jene, die diese Jobs machen, sodass ich mich mit der Musik beschäftigen kann.

Mein Leitsatz lautet: Wenn Du über einen Menschen etwas erfahren möchtest, dann betrachte seine Kunst. In Deinem Fall: Hör ihre Musik. Ist es manchmal seltsam, dass dann in Interviews doch immer alles noch ausdiskutiert und analysiert werden muss?
Ich denke, die Beschreibungen von Kunst und Künstlern ist auch wichtig. Wie die Kunst auf die Menschen wirkt, ist auch ein Teil der Wahrheit. Und auch ein Teil der Kunst. Aber es stimmt: Man gibt in der Musik viel mehr über sich preis als in einem Gespräch.

Am 6. & 9. September 2020 spielt Sophie Hunger im Kaufleuten Zürich
Interview durchgeführt: Bettina Wyss-Siegwart
Redaktion: Bettina Wyss-Siegwart


Linktipps:
Am 4. September erscheint das neue Album "Halluzinationen"