WINTERTHURER MUSIKFESTWOCHEN - ABSCHLUSSWEEKEND 3./4. SEPTEMBER 2004

KEEP IT ROCKIN'

Sänger und Musiker von Weltruhm aus aufgelösten 90er-Kultbands versuchen ein Comeback oder eine Weiterentwicklung in neuen Formationen - Das Konzept ist simpel, vielversprechend, aber riskant. Und es trifft auf alle Headliner des Abschlussweekends der Winterthurer Musikfestwochen 2004 zu: Everlast, einstige Leadfigur der legendären House of Pain, Melissa Auf Der Maur, Ex-Bassistin von Courtney Loves' Hole und den Smashin' Pumpkins, und Velvet Revolver, eine spektakuläre Fusion ehemaliger Guns'n'Roses-Mitglieder mit Stone-Temple-Pilots-Sänger Scott Weiland.

Openingact vom Freitag Abend ist - nach kurzfristiger Absage der belgischen dEUS - das im deutschsprachigen Raum noch weitgehend unbekannte Kaizers' Orchestra. In Skandinavien gehört die sechsköpfige Norweger-Truppe längst zu den angesagtesten Bands. Der grosse Durchbruch gelang ihnen nach ihrem viel gelobten Auftritt am Roskilde Festival 2002, als die Band von den 14'000 Zuschauern im 7'000er-Zelt nicht mehr enden wollenden Applaus erntete und andere anwesende Acts wie Radiohead oder David Bowie damit in das Abseits servierten. Mehrmals erhielten Kaizers' Orchestra Auszeichnungen für ihre Liveauftritte. Auch in Winterthur überraschen sie mit einer Rekord verdächtigen Bühnenpräsenz: Der charismatische Leadsänger Jan Ove Ottensen hetzt ohne Unterbruch quer über die Bühne, Ölfässer werden als Perkussionsinstrumente malträtiert, bis sie mit donnerndem Getöse im Bühnengraben landen und Schlagzeuger Rune Solheim hämmert - sitzend auf der Basstrommel - auf seinen Hocker, als gäbe es nichts alltäglicheres. Die Musik selbst ist zweitrangig, passt in keine gängige Schublade, vielleicht so wie wenn die Pogues im Musical Stomp Polka spielen würden, mit norwegischen Lyrics. Mitsingen ist für das Publikum nur schon aufgrund der sprachlichen Barrieren ein zu anspruchsvolles Vorhaben. Doch stören tut's niemand, man gönnt sich einfach ein Bierchen mehr. Skal!

Gegen neun Uhr betritt Mellissa Auf Der Maur die Bühne. Die gebürtige Kanadierin mit Schweizer Vorfahren zeigt, dass es auch als Bassistin möglich ist, unbestrittenes Aushängeschild einer Band zu sein. Dass sie ihr Instrument beherrscht wie nur wenige andere, wissen wir bereits aus ihren vergangenen Zeiten bei Hole und den Smashin' Pumpkins. Trotzdem vermag Auf Der Maur nicht alle Konzertbesucher von der oft von Kritikern vertretenen Auffassung überzeugen, sie sei einder der wenigen weiblichen Rockstars, die das Potential für den ganz grossen Durchbruch mit sich bringen: Jeder Song ähnelt dem anderen, es fehlt an Spannung und Innovation. Höchstens der letzte Song - eine eindrückliche Soloperformance - lässt Vorfreude auf weitere Produktionen aufkeimen.

Den Abschluss des Abends bestreitet Everlast - mit der aktuellen Formation genügend lange im Geschäft, um nicht mehr von vergangenen House-Of-Pain-Lorbeeren profitieren zu müssen. Der Sound ist eigenständig, gereift und vor allem ehrlich, eine Mischung aus HipHop, Rock, in Singer/Songwriter-Manier. Noch mehr als bei Auf Der Maur lässt Everlast den Zuhörer spüren: Dieser Künstler hat sich weiterentwickelt, seinen eigenen Stil gesucht und gefunden. Es ist Everlast (alias Erik Schrody) der mit all seinen Eigenheiten, Hoffnungen und Geheimnissen auf der Bühne steht. Kein Produkt, ein Mensch. Doch auch bei seinem Auftritt sehnt sich das Publikum nach Abwechslung, die zwar zwischendurch mit der eigenwilligen Interpretation des 70er-Discoklassikers "Apache" von Michael Viners' Incredible Bongo Band kurz aufkommt, um aber sogleich wieder im Einheitsbrei zu versinken. Immerhin werden wir bei der Zugabe für das Ausharren mit "Jump Around" belohnt. Ein Rettungsanker in die Vergangenheit? Nein, dies war Everlast dem Publikum in der Steinberggasse einfach schuldig. Thanks!

Der Samstag Abend steht ganz im Zeichen von solidem, direktem Gitarrenrock. Vier Bands stehen auf dem Programm, doch ganz klarer Publikumsmagnet ist Velvet Revolver. Die drei anderen Acts - die Schweizer Redwood und Disgroove sowie The Feelers aus Neuseeland - erhalten als Einheizer die Möglichkeit, sich dem Publikum vorzustellen, werden aber alle drei im Hinblick auf den anstehenden Höhepunkt mangels Interesse nur marginal beachtet. Schade, denn insbesondere Disgroove überzeugt mit überraschend frischem und soliden Sound. Die Baslertruppe mit Töbi, Philippe und Flipper hätten mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt - Wer's nachholen will: Am 27.11. spielen Disgroove im Kammgarn Schaffhausen zusammen mit Treekillaz.

Die Geduld der Fans von Velvet Revolver wird auch nach den drei Vorbands arg strapaziert, ganze vierzig Minuten Verspätung leisten sich die US-Rockgötter, verlorene Zeit, da auf der Winterthurer Steinberggasse punkt Mitternacht die Lautstärker verstummen müssen. Doch als dann kurz vor elf Uhr Slash und Co. die Bühne betreten, wird umso intensiver Gas gegeben. Noch rockiger, punkiger als auf der CD "Contraband" präsentieren Velvet Revolver ihr Set. Dieser agressive Soundstil hätte den drei verbleibenden Ex-Gunners Duff schon immer entsprochen, meinte Duff unlängst in einem Interview, und bald realisieren auch die letzten verbissenen Axl-Rose-Fans: Heute Abend gibt's kein November Rain, es wird nicht an die Heavens' Door geklopft und die Steinberggasse liegt nicht in Paradise City. Stone Temple Pilot Scott Weiland setzt dem Ganzen seine eigene Marke auf: zwar überraschend zurechnungsfähig, doch gewohnt hyperexzentrisch und schräg. Auch Dave Kushner, zweiter Gitarrist und ehemaliges Wasted-Youth-Mitglied integriert sich, wenn auch meist im Hintergrund bleibend, optimal. Doch die eigentlichen Stars der Formation bleiben Duff, Slash und Matt - ein erhabenes Gefühl, wenn die drei direkt nebeneinander auf der Bühne rocken, fast greifbar nah. Und spätestens wenn Slash - in gewohnter Manier, mit Zyliner und Zigarette unter den schwarzen Locken - zum Solo ansetzt, mit seinen unvergleichlichen Riffs Gänsehaut auf die verschwitzen Körper in den vorderen Reihen des Publikums zaubert, wird jedem bewusst: Hier stehen absolute Ausnahmekünstler auf der Bühne, Weltstars, die besten ihres Fachs. Die fünf Musiker stehen noch lange nicht am Ende ihrer Karriere, sondern mitten darin. Ob Velvet Revolver der richtige Weg dazu ist … diskutieren lohnt sich nicht, wir warten's ab und rocken weiter.
swissflake

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